Stand: 16.03.2016 08:40 Uhr

Monolog eines Verlierers

von Tobias Wenzel
Jaroslav Rudiš: "Nationalstraße" (Cover) © Luchterhand Verlag
Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker. Er studierte Deutsch und Geschichte in Prag, Zürich und Berlin.

Der tschechische Autor Jaroslav Rudiš ist ein Geschichtensammler und Geschichten könne man am besten in tschechischen Kneipen sammeln, behauptet er. Seinen neuen Roman verdankt er auch einer Zufallsbegegnung in einer Prager Kneipe. "Nationalstraße", so der Name seines Romans, ist der große Monolog eines Verlierers, der sich aber selbst als letzten römischen Krieger begreift.

Vom Helden zum Störenfried

1989 will Vandam auf der Nationalstraße der Prager Altstadt mit dem ersten Schlag die "Samtene Revolution" in Gang gesetzt haben. Mehr als zwanzig Jahre später ist er alles andere als ein Held. Er lebt immer noch in der Plattenbausiedlung seiner Kindheit, verdient sein Geld als Dachlackierer und verschafft sich Respekt, indem er in seiner Stammkneipe einen Störenfried krankenhausreif prügelt.

In seinem klugen Roman "Nationalstraße" lässt Jaroslav Rudiš den selbsternannten Sheriff, Schläger und Macho Vandam in einem belehrenden und apokalyptischen Monolog zu dessen Sohn sprechen. Die Hauptfigur basiert auf einer realen Figur, einem flüchtigen Bekannten des Autors. Vor Jahren sind sie sich in einer Prager Kneipe begegnet.

Ein langes Gespräch folgte, und Jaroslav Rudiš machte sich noch in derselben Nacht dazu Notizen. 2013 veröffentlichte er im tschechischen Original den Roman, der nun, da er auf Deutsch vorliegt, durch die Flüchtlingskrise und die erstarkte Fremdenfeindlichkeit in Europa aktueller denn je erscheint:

Ist doch alles nur Spaß. Ich bin ein Römer. Kein Nazi. Warum sollte man in Europa nicht mit dem römischen Gruß grüßen dürfen, Mann? [...]
Heil dem Volk!
Heil Europa!
Wir sind Europäer!
Neger raus.“ Leseprobe

Ein verletzlicher Hochstapler

Jaroslav Rudiš hat einen herausragenden Roman geschrieben, der auch noch wie gemacht für eine Theaterinszenierung ist. Lange hasst der Leser die Hauptfigur Vandam, diesen gewaltbereiten Mann voller Vorurteile, der sein angelesenes Wissen, wie das über die Schlacht im Teutoburger Wald, mit seinen eigenen Erfahrungen zu kruden Untergangsvisionen vermengt.

Doch dem Autor gelingt es, dass man nach und nach Mitgefühl für Vandam entwickelt. Spätestens ab jenem Kapitel des Romans, das ausnahmsweise in der dritten Person geschrieben ist und in dem Vandam von einer Frau gnadenlos auf den Boden der Realität zurückgeholt wird: Der entlarvte Hochstapler erscheint zugleich als verletzlicher und tragikomischer Verlierer.

Als Vandam im grandiosen irrwitzigen Finale des Romans zusammengeschlagen im Wald vor der Plattenbausiedlung um sein Überleben kämpft, wollen wir nur noch eins: diesen Dachlackierer und Möchtegernhelden, diesen Menschen retten.

Die Erde unter mir bewegt sich, sie ist nass, und ich sickere in sie ein. Ich bin auch nass.
Vom Regen.
Von Farbe.
Vom Blut. Leseprobe

Nationalstraße

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Bestellnummer:
978-3-630-87442-5
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.03.2016 | 12:40 Uhr

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