Stand: 05.02.2020 10:30 Uhr  - NDR Kultur

Zu viel Gin Tonic und zu wenig vom Vater

Die Überflüssigkeit der Dinge
von Janna Steenfatt
Vorgestellt von Claudia Ingenhoven
Janna Steenfatt: "Die Überflüssigkeit der Dinge" © Hoffmann und Campe
Steenfatts Debutroman spielt in Hamburg und erzählt von ihrer Suche nach dem, was sie wirklich will.

Wer Janna Steenfatt auf Instagram folgt, der sieht, wie lange die Autorin schon auf die Veröffentlichung von "Die Überflüssigkeit der Dinge" hingefiebert hat. Auf ihren Instagram-Bildern präsentiert sie ihr Buch neben der Hauskatze, neben einem bunten Strauß Blumen oder vor dem Fenster mit schöner Aussicht.

Ina hat vor drei Jahren ihr Studium abgeschlossen, Germanistik und Philosophie, und hat immer noch keinen Plan. Sie wünscht sich einen Beruf, der sie ausfüllt und ernährt, aber sie tut nichts dafür, sondern jobbt mal hier, mal da.

Die letzten Jahre waren in einer Art Lähmung vergangen, eine Mischung aus Furcht und Ungeduld, und das Warten auf das richtige Leben machte bereits der unguten Ahnung Platz, dass es das hier tatsächlich schon ein sollte. Leseprobe

Single-Leben auf Hamburg St. Pauli

Immerhin freundet sie sich mit Falk an. Sie bewohnt als Untermieterin in seiner Wohnung ein 15-Quadratmeter-Zimmer mit niedriger Miete und das in Hamburg St. Pauli. Mit ihm zieht sie abends um die Häuser, mit ihm trinkt sie den "zuvielten Gin Tonic", aber anders als bei Falk knistert nichts bei ihr. Manchmal hat sie eine Affäre und bleibt nachts weg, aber nie bis zum Frühstück.

Ich konnte es nicht leiden, meinen Körper in einem fremden Bett wiederzufinden. Ich schlief schlecht, wenn ein Mensch in der Nähe war, der atmete und sich bewegte und am Morgen einen unfrischen Geruch verströmte. Ich war nicht kalt oder kompliziert, ich konnte mich nur nicht teilen. Leseprobe

Schwieriges Verhältnis zur selbstsüchtigen Mutter

Als ihre Mutter stirbt, ist Falk die große Stütze. Er organisiert eine Seebestattung in Travemünde, er räumt das Haus leer. Ina hatte schon eine Weile keinen Kontakt zu ihrer Mutter. Deren Trinkerei war ihr zuwider, auch das großspurige Prahlen. Dabei waren ihre glanzvollen Tage als Schauspielerin lange vorbei.

Als Ina klein war, sind sie ständig umgezogen, jede Spielzeit ein neues Engagement, eine neue Stadt und eine neue Schule. Die Mutter war nur mit sich beschäftigt; einmal stellte sie gedankenlos Inas Vogelbauer auf dem Heizkörper ab. Am nächsten Morgen waren die Wellensittiche Romeo und Julia tot.

Ihren Vater kennt Ina nicht. Er habe sich nach Amerika abgesetzt, sagt die Mutter voller Verachtung. Nur mit viel Alkohol kann Ina ihr seinen Namen aus den Rippen leiern und googeln, dass er wieder zurück in Deutschland ist und als Regisseur am Berliner Ensemble inszeniert. Sie kauft sich eine Theaterkarte und geht zur Premierenfeier.

Google-Suche nach dem unbekannten Vater

Ina ist schlecht vor Aufregung, als sie ihn sieht und fährt wieder nach Hause. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben will sie etwas zu Ende bringen. Sie findet einen Aushilfsjob in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses, weil sie weiß, dass ihr Vater demnächst hier inszeniert.

Die Arbeit als Küchenhilfe ist hart, aber die Theateratmosphäre ist ihr vertraut. Manchmal wird sie vom Küchenchef zum Kassieren an den Tresen geschickt - und trifft plötzlich auf ihren Vater. Sie wechseln je zwei Wörter. "Eins achtzig", er legt zwei Euro hin und antwortet "Stimmt so". Mehr nicht.

Ina freundet sich mit der Schauspielerin Paula an, die in der Inszenierung des Vaters spielt und oft in der Kantine hockt. Sie verbringen ein, zwei schöne Tage miteinander und noch schönere Nächte, aber gleich danach ist Sendepause. Paula ist mit den Proben beschäftigt und streitet sich mit ihrem Regisseur. Für Ina die Hölle.

"Ich beneidete Paula um die Situation. Ein Streit mit ihm war etwas, das mir zustand, dachte ich. Wie er sie ansah, mit einem Blick, der nicht wirklich böse sein konnte. Einem Blick, der mich ansehen sollte." Leseprobe

Debutroman mit mehr Stärken als Schwächen

Janna Steenfatt gelingt es in "Die Überflüssigkeit der Dinge" ausgesprochen gut, Beziehungen zu charakterisieren: zwischen den zwei Frauen, zwischen den Mitbewohnern und zwischen dem Küchenteam der Kantine. Auch und gerade für Inas Liebesleben findet sie schöne Formulierungen. Mit witzigen Wortschöpfungen verhindert sie, dass die Geschichte den Leser runterzieht. Manchmal reicht ein Wort. Ein Nachbar zum Beispiel grüßt immer "koksfreundlich".

Einzig Steenfatts Hang zu Relativsätzen, drei, vier hintereinander gehängt, verrät ein sich-manchmal-nicht-entscheiden können. Dafür kann sie besonders gut Spannung aufbauen. Immer wenn man ungeduldig wird, weil Ina dem Vater immer noch nicht die sie quälende Frage gestellt hat: "Warum wolltest du nichts von mir wissen?" - immer dann taucht Paula auf.

Ohne zu viel zu verraten: Ina spricht mit dem Vater. Aber mindestens genauso wichtig ist eine neue Erfahrung für sie. Auf ihre Kollegen in der Kantine kann sie sich verlassen - und auf den verschmähten Mitbewohner auch.

Die Überflüssigkeit der Dinge

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00831-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.02.2020 | 12:40 Uhr

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