Stand: 18.01.2019 09:50 Uhr

Das Leben der Ise Frank

Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus
von Jana Revedin
Vorgestellt von Joachim Dicks

Vor 100 Jahren gründete der Architekt Walter Gropius das Staatliche Bauhaus in Weimar, eine damals einzigartige Institution, da das Bauhaus eine Zusammenführung von Handwerk und Kunst und Architektur darstellte. Viele Ausstellungen, Konzertaufführungen, Filme und Radioprogramme erinnern an dieses Jubiläum. Im Hörspiel und Feature auf NDR Kultur sind seit Beginn des neuen Jahres mehrere große Sendungen dazu ausgestrahlt worden.

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Leider wird die Geschichte von Ise Gropius auf die 20er-Jahre reduziert.

Auch in der Literatur spielt das Bauhaus derzeit eine besondere Rolle. Die Architektin und Schriftstellerin Jana Revedin hat einen historischen Roman über das Leben der Ise Frank geschrieben, der zweiten Ehefrau von Walter Gropius. Titel: "Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus".

 

Ise Frank lernt Walter Gropius kennen

Die Geschichte setzt ein am 28. Mai 1923 an der Technischen Universität Hannover. Ise Frank lebt und arbeitet damals als Buchhändlerin in München. Ihre ein Jahr zuvor verstorbene Mutter hatte ein Haus nahe der Herrenhäuser Gärten. An diesem schönen Maientag geht sie auf Anregung einer Freundin zu einem Vortrag des Architekten Walter Gropius. Anschließend kehren sie zu dritt ein in ein Café.

Hannover war eine kleine Stadt geblieben, man erreichte hier noch alles zu Fuß. Wenn man Gehen liebte und gewohnt war wie Ise. Nicht nur quietschte der Doppelwagen bei jedem Halt, sondern er bimmelte eine kurze Melodie, den Beginn des Big-Ben-Geläutes, ding-dang-dang-dong, wohl eine Erinnerung an die glorreichen Zeiten der Hannoveranerherrschaft über das ganze Königreich Großbritannien. - Nach dem Steinernen Tor hielten sie am Königsworther Platz, dann an der Haltestelle Welfenschloss, genau da, wo die Bürgermeisterlimousine mit ihnen aus dem Hochschulareal auf die Nienburger Straße eingebogen war. Das war knapp eine Stunde her, doch kam es Ise vor, als wären Tage, ja Wochen vergangen. (...) Es hatte sich ein Zeitsprung eingestellt. Leseprobe

Bildreiche und einfühlsame Sprache

Jana Revedin gelingt es mit ihrer bilderreichen, präzisen und einfühlsamen Sprache hervorragend, das Zeitkolorit der 20er-Jahre aufscheinen zu lassen. Ise Frank war 1923 26 Jahre alt, Walter Gropius 40. Er, der sich nach den Schilderungen der Autorin oft schon sehr alt vorkam, ist von der geistreichen und fantasievollen und schreibbegabten jungen Frau bald so hingerissen, dass er sie von Weimar aus regelmäßig in München besucht und sie auch zur großen Bauhaus-Ausstellung im Sommer 1923 nach Weimar einlädt. Nach diesem Aufenthalt heißt Ise Frank, die bald danach Ise Gropius wird, bei vielen nur noch "Frau Bauhaus".

Aus Ise Frank wird Frau Gropius

Jana Revedin zeichnet das Porträt einer jungen Frau, die aus Hingabe und Begeisterung sich selbst hintanzustellen weiß, die zu besonderen Freundschaften, etwa zu der Fotografin Irene Hecht oder zu ihrer Schwiegermutter Manon Gropius, in der Lage ist. Die schwere Krisen, zwei Bankrotts des Bauhauses 1923 in Weimar, 1928 in Dessau und eine Fehlgeburt tapfer übersteht. Auch die gelegentlichen Fremdgänge ihres Mannes. Sie erträgt auch, dass er ohne ihre Unterstützung oft nicht seiner Arbeit hätte nachgehen können.

Ise hatte den Vortrag mit Gropius dann auswendig gelernt, und er passte ihm wie maßgeschneidert, vor allem die Stellen, die diesen Gildengeist, diese Lust am gemeinsamen Experimentieren wiedergaben, von der Gropius ja durch und durch beseelt war. Doch schon nach dem ersten Vortrag in Berlin, der ja ein Heimspiel war, war er, nie mit sich selbst zufrieden, auch mit dem Text nicht mehr zufrieden. Und jetzt stand das freidenkerische Hamburg an, dann das erzkatholische Rheinland, dann erst, um Himmels willen, das reaktionäre Bayern! Leseprobe

Gegen Ende verliert das Buch an Farbe

Das Buch ist flott und unterhaltsam geschrieben. Bis zur Hälfte etwa. Danach sind die wiederkehrenden Motive aufgebraucht - etwa das ritualisierte Liebesbekenntnis von Gropius "Ise, ich brauche dich" oder das musikalische Leitmotiv "Let's fall in love". Nach der Hochzeit der beiden Protagonisten weiß die Autorin ihre Figuren nicht weiter mit Lebendigkeit und Farbenreichtum zu zeichnen. Die Flucht aus Deutschland nach Amerika ist in Siebenmeilenstiefeln geschrieben. Schade. Denn die Geschichte von Ise Frank verdient es sicher, nicht nur auf ihre 20er-Jahre reduziert zu werden.

Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-8354-7
Preis:
22,00 €

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