Stand: 08.12.2017 11:57 Uhr  | Archiv

Die Seele Griechenlands

von Guido Pauling

Olivenbäume, bergige Landschaft, beinahe unendlich viele Buchten - so sieht das touristische Griechenland-Klischee aus. Für viele Deutsche ist Griechenland ein Sehnsuchtsort, wo sich die Überreste antiker Hochkultur bestaunen lassen und ein mediterranes Flair aus Sonnenschein, Harzgeruch und Wellenrauschen herrscht.

Aber wie erlebt jemand das Land, der dort nicht nur drei Sommerurlaubswochen verbringt, sondern der wochenlang auf Inseln und dem Festland umherstreift, unerwartete und unverhoffte Bekanntschaften macht und all dies in Bildern festzuhalten sucht? Jan Windszus hat sich nach "Hellas" begeben, das Land auf mehreren Reisen besucht, beguckt und mit der Zeit ein Gespür für die Griechen und für das griechische Leben entwickelt - eindrucksvoll dokumentiert in einem neuen Bildband des mare Verlags.

Die Schönheit des Augenblicks genießen

Es dunkelt schon, vom Meer weht eine lauwarme Brise zum Parkplatz herüber. Die beiden wollen gar nicht aussteigen; mit zurückgekippten Rückenlehnen und weit herabgekurbelten Fensterscheiben sitzen sie im Auto, nah beieinander, träumerisch zweisam, und lassen keinen Blick von den wandernden Lichtpunkten am Himmel.

Für einen Moment fällt ein Lichtschein auf ihr Gesicht, lässt es für eine Sekunde aufleuchten, ihre großen Augen und dunklen, vollen Lippen, ein bronzener Flimmer im dunkelbraunen Haar - schon vorbei. Er aber hat die Schönheit dieses Augenblicks bemerkt, dicht neben ihr, in der einsetzenden Nacht Korfus.

Noch jemand hat alles bemerkt: der Fotograf, der Griechenland entdecken will: "Ich war am Flughafen, und da ist ein Pärchen, das sich die Flugzeuge beim Landeanflug anschaut. Die sitzen da allein im Auto, haben ihre Zeit und gucken sich die ankommenden Flugzeuge an… Das fand ich super, den Moment. Ich habe die beobachtet und dachte, da steckt Fernweh drin, da steckt Jugend drin; das erzählt etwas über das Zusammensein, das erzählt etwas über dieses Will-ich-weg-oder-bleib-ich-hier, wie fühl‘ ich mich in Griechenland…"

Das Bild erzählt sehr viel über die Kunst des Fotografen Jan Windszus, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten. Die Kunst, über Gesichter von Menschen ein Land vorzustellen. Griechenland, krisengetroffen und gedemütigt, stolz und kaum gebeugt.

Über die Menschen das Land kennenlernen

Der stechend-scharfe Blick, mit dem der Kreter Anastasios Papadakis in die Kamera schaut - grau-schwarzer Vollbart, schwarz-graues Stirnband, offenes schwarzes Hemd und sonnengegerbte Haut - zeugt von Kraft und Selbstbewusstsein… "Wir konnten nicht die gleiche Sprache, wir haben mit Händen und Füßen gesprochen", erinnert sich der Fotograf. "Dieser Blick und das, was er mir jetzt gibt, ist für mich so an der Kante. Nicht Freund und nicht Feind, aber trotzdem saumäßig interessant."

Griechenland bei Jan Windszus ist ein Land wie in einem Jim-Jarmusch-Film: melancholisch und etwas düster, zumeist rau und schroff, niemals apollinisch-schön. Die Menschen auf den Fotografien wirken in Gedanken versunken, stehen oder sitzen meist einsam im Bild, manchmal nur zu zweit - dann aber sind sie sofort einander zugewandt, eng verbunden.

Das Liebespaar hingestreckt auf felsigem schwarzem Strand, er hält die Augen geschlossen und mit der Rechten ihre Taille umschlungen. Mutter und Sohn in der einfachen Taverne "Hellas", die ältere Patronin des Lokals und ihr wahrscheinlich kellnernder Junge, stehend zwischen blauen Holzstühlen und altmodischen gelben Vorhängen. Ein rotes Handtuch weht an einer Leine, die sich quer über eine verlassene Veranda spannt, im Hintergrund das Meer.

Fotografien, die weit mehr zeigen als das, was das Auge sieht - die Bilder erschaffen ein Gefühl, eine Atmosphäre von herber Schönheit.

Gute Bilder erzeugen eine Spannung

"Ein gutes Bild für mich muss immer so ein bisschen an der Kante sein, und an der Kante bedeutet, dass es einen Übergang gibt von einem Zustand in den nächsten", sagt der Fotograf. "Das kann zum Beispiel der Sonnenaufgang sein oder es kann eine Bewegung sein, die gleich kommt, aber noch nicht ausgeführt ist. Das macht diese Bilder spannend. Für den einen mag das dann melancholisch oder theatralisch sein, für den anderen ist das vielleicht romantisch oder düster, das kann ganz viel sein. Aber ich fühle mich in diesen Kontrasten sehr gut aufgehoben."

Der Poseidon-Tempel am Kap Sounion im Abendlicht ziert den Buchtitel, und klar, die Akropolis von Athen taucht auch einmal auf - klein im Bildhintergrund, weiß unter tiefschwarzen Wolken - doch nur, weil es wohl sein muss.

Der wahre Reiz dieses Landes liegt nicht in den Touristenpunkten; er liegt auf kleinen Inseln und in versteckten, unscheinbaren Orten, die man in diesem Band nur ganz langsam blätternd entdecken sollte.

"Ich glaube, wenn man an einem Ort verweilen würde in Griechenland und da drei Wochen bleiben würde, würde man wahrscheinlich mehr von den Griechen erfahren als wenn man durchs Land hasten würde", glaubt Jan Windszus.

Griechenland

von Jan Windszus
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Texten von Karl Spurzem.
Verlag:
mare Verlag
Bestellnummer:
978-3-86648-287-6
Preis:
58,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 10.12.2017 | 17:40 Uhr

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