Stand: 16.09.2019 13:48 Uhr

Bitterböse Provinzposse aus dem Wendland

Der junge Doktorand
von Jan Peter Bremer
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

1965 wurde Jan Peter Bremer in Berlin geboren. Als Kind zog er mit seinen Eltern ins Wendland, lebte auf Schloss Gümse, in der Nähe von Dannenberg. In dieser abgelegenen Landschaft seiner Kindheit spielt sein neuer Roman "Der junge Doktorand".

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Der Roman "Der junge Doktorand" von Jan Peter Bremer entlarvt die Lebenslügen eines Ehepaars.

Es ist ein dicht komponierter Roman, nur 176 Seiten braucht Jan Peter Bremer, um mit "Der junge Doktorand" mehrere Lebensläufe zu entfalten. Es ist ein Eheroman, ein Künstlerroman und eine bitterböse Provinzposse. Das Buch lebt von Dialogen, wobei es sich in Wirklichkeit fast immer um Monologe handelt. Der Maler Günter Greilach lehnt sich gern in seinem Lieblingssessel zurück, um zu bramarbasieren:

"'Was ist ein Künstler eigentlich?', fragte er dann und öffnete die Augen wieder. 'In erster Linie würde ich behaupten wollen, ein Künstler ist vor allen Dingen ein strenger Arbeiter und ein Geduldsmensch. Dabei spielt die so häufig aufgeworfene Frage, nämlich ob die Kunst zu einem hin- oder aus einem hervorkommt, eine kaum mehr als nichtige Rolle.'" Leseprobe

Hohle Phrasen eines eitlen Künstlers

Diese hohlen Phrasen werden gedroschen für einen Besucher. Günter Greilach und seine Frau Natascha haben zwei Jahre auf den - per Postkarte angekündigten und dann immer wieder verschobenen - Besuch eines jungen Mannes gewartet, der ihnen suggeriert hat, er sei am Werk des Malers interessiert.

Sie schlossen daraus, er wolle offenbar eine Doktorarbeit schreiben über Greilach, der vor einigen Jahren eine gewisse Bedeutung hatte. Ein Museum plante den Ankauf etlicher Gemälde und eine Ausstellung. Das hatte sich damals zerschlagen, und dann kam es zu einer weiteren, für den Künstler nicht zu bewältigenden narzisstischen Kränkung.

In der Folge zog er sich rigoros aus der Gesellschaft in der Provinz zurück, wo jeder jeden kennt und sich im einzig akzeptablen Restaurant der Stadt alle bei jedem ihrer Besuche immer wieder an denselben Tisch setzen.

Ein seltsamer Besucher

Nun klopft es abends überraschend an die Tür von Greilachs abgelegener alter Mühle. Davor steht jener junge Mann, den sie beide, Greilach und seine Frau Natascha, für den jungen Doktoranden halten. Sie stürzen sich seelisch ausgehungert auf ihn. Natascha ist die erste, die bemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmen kann: "Was war denn das für ein Doktorand!"

Der junge Mann benimmt sich allzu seltsam. Natascha startet ein Verhör. Er versucht ihr zu gestehen, dass er nur gekommen sei, weil seine Mutter es von ihm verlangt hat. Er studiert nicht einmal Kunst, er engagiert sich für Geflüchtete, erzählt er ihr und versucht sich aus seiner Rolle als Rettungsring für einen alternden, verkannten, vergessenen Künstler und die unter dessen Launen leidende Ehefrau zu befreien:

"'Ich bin einfach nur ein Bewunderer. Wegen der Kunst Ihres Mannes hatte ich mir sogar mal überlegt, selbst Künstler zu werden, aber auch das will ich jetzt nicht mehr, und deshalb wusste ich auch von Anfang an, dass es ein Fehler war, zu Ihnen rauszukommen.'" Leseprobe

Zeuge für den Streit des Ehepaars

Dies ist die einzige Passage im Text, wo Florian, der junge Mann, der für den sehnsüchtig erwarteten Doktoranden gehalten wird, zu Wort kommt. In der übrigen Zeit keifen sich die beiden Eheleute an, verletzten sich verbal und nutzen die seltene Gelegenheit eines Zeugen für ihr Gefecht, sich mal die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen.

Ephraim Kishon hat einmal erzählt, dass er seinem Sohn Rafi am Tag vor dessen Hochzeit gesagt habe: "Auch in deiner Ehe wird der Moment kommen, in dem du die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen möchtest. Für diesen Moment in deinem Leben rate ich dir: lügen, lügen, lügen." Das wünschte man herzlich auch dem Ehepaar in Jan Peter Bremers Roman.

Allein, es ist zu spät. Auch der Dritte im Bunde rettet diese seelisch verlorenen, sozial verwahrlosten Menschen nicht mehr. Jan Peter Bremer ist ein intelligenter, schnörkelloser Roman gelungen. Ein kleines Sittengemälde unserer Zeit.

Der junge Doktorand

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-8270-1389-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.09.2019 | 12:40 Uhr

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