Stand: 07.03.2016 10:50 Uhr

Sich durchs Leben schummeln

von Annemarie Stoltenberg

Viele werden den Schriftsteller Christoph Hein kennen. Sein Sohn Jakob, 1971 geboren, hat ursprünglich Medizin studiert und ist inzwischen Psychiater, aber er hat daneben schon etliche Bücher veröffentlicht. Ein sehr eindrucksvoller Text von ihm beschrieb Trauer und den Abschied von seiner Mutter. Sein neuester Roman gehört in das heute leider viel zu selten bediente Fach Schelmenroman: "Kaltes Wasser" ist der Titel. Anmerkung der Redaktion: Der Buchtipp ist Teil eines "Best Of" aus zehn Jahren Gemischtes Doppel am 19. Mai 2020

 

Überlebenskünstler mit besonderem Talent

Man stelle sich vor, der sinnreiche Junker Don Quijote ritte furchtlos durch die letzten Monate der DDR und die kurze Raubritterzeit der neuen Bundesländer. Oder der listige Überlebenskünstler Melchior Sternfels von Fuchshaim aus dem Simplicissimus erlebte seine Abenteuer im aufbrechenden Ost-Berlin. Jakob Hein ist ein köstliches Bubenstück gelungen, ein Roman, bei dem man allein im Zimmer laut lacht.

Friedrich Bender heißt sein Held und Überlebenskünstler. Seine besonderen Talente entdeckt er schon als Kindergartenkind. Friedrichs ältere Schwester Pia, Drittklässlerin, erzählte zuhause ausgiebig von ihren Erfolgen im Schwimmbad. Ihr kleiner Bruder wollte das nicht so einfach hinnehmen und fing seinerseits an, mit Schwimmabenteuern zu prahlen. Pia war nicht bereit, das auf sich beruhen lassen und bestand darauf, dass die ganze Familie am Wochenende ins Schwimmbad marschierte.

Pia konnte den Moment des Triumphes kaum erwarten. Ich ließ mich einfach fallen ... Sekundenbruchteile war ich unter Wasser, dann paddelte ich mich hoch ... ich blieb oben und mehr noch: Ungelenk und technisch unvollkommen, paddelnd wie ein Hund, schwamm ich die ganzen fünfundzwanzig Meter der Bahn bis zu ihrem Ende. ... Warum ich plötzlich schwimmen konnte, wurde niemals aufgeklärt. Nicht einmal ich selbst habe das jemals herausgefunden. Leseprobe

Mit Tricks zum Erfolg

Es mag sein, dass sich Biografien in solchen Augenblicken entscheiden. Erste Lektion: Erst einmal behaupten und so tun als ob, der Rest ergibt sich dann schon. Nach diesem Muster schummelt sich Friedrich viele Jahre mit hinreißendem Charme, Chuzpe und Raffinesse durchs Leben. Zum Beispiel mit einem NVA-Bus, den er sich ergaunert und den er in der Raubritterzeit kurz nach dem Mauerfall auf einem Platz am Prenzlauer Berg als Kneipe betreibt, zusammen mit Jockel, einem Organisationsgenie.

Natürlich macht leider irgendwann das Ordnungsamt dem lukrativen Spaß ein Ende. Friedrich fängt in einem Versicherungsunternehmen an: "Ich machte stets einen fleißigen Eindruck und störte nicht irgendwelche Abläufe. Das war mehr, als man über die meisten befristeten Angestellten hier hätte sagen können."

Sein Meisterstück liefert Friedrich, als er sich in Stockholm Auslandsstudienbescheinigungen mit Siegel der Universitätsleitung beschafft. Er wickelt schlicht eine Sekretärin um den Finger, sie lachen dabei herzlich über die deutschen Bürokraten.

Amüsante Episoden

Köstlich sind Friedrichs erotische Eskapaden und seine Zeit als Heiratsvermittler mit Adelstitel und standesgemäßem Ambiente. Es glückt ihm, eine energische, erfolgsverwöhnte Schönheit mit einem Waschlappen von Mann zu verkuppeln, indem er der Dame vorschwärmt, wie man aus einem solchen Weichei ein gestandenes Mannsbild nach ganz individuellen Vorstellungen formen könne.

Das ist alles ganz wunderbar und geeignet, Muskelkater vom vielen Lachen zu erzeugen. Vielleicht kramt jeder beim Lesen in den eigenen Erinnerungsschubladen mit Schummelabenteuern aus der Schul-, Lehrlings- oder Studienzeit, die man anders doch gar nicht überstanden hätte.

Kaltes Wasser

von Jakob Hein
Seitenzahl:
240 Seiten
Verlag:
Galiani-Berlin
Bestellnummer:
978-3-86971-125-6
Preis:
18,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.05.2020 | 10:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Jakob-Hein-Kaltes-Wasser,kalteswasser102.html
Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz sitzen auf den Stufen zur Alster © NDR/ Foto: Christian Spielmann

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