Jacques Poulin: "Volkswagen Blues" © Hanser

Im "Bulli" durch die Geschichte Amerikas

Stand: 24.09.2020 16:35 Uhr

Bereits 1984 hat der frankokanadische Autor Jacques Poulin einen Bulli in den Mittelpunkt einer Reiseerzählung gestellt. Sein preisgekrönter Roman "Volkswagen Blues" ist jetzt auf Deutsch erschienen.

von Claudio Campagna

Er erwachte vom Miauen einer Katze. Er setzte sich in seinem Schlafsack auf und schob den Vorhang am Rückenfenster des VW-Busses zur Seite: Ein großes, hageres Mädchen in weißem Nachthemd ging trotz Kälte barfuß übers Gras; eine kleine schwarze Katze lief ihr nach.
Leise klopfte er ans Fenster - die Katze blieb wie angewurzelt stehen, eine Pfote in der Luft, dann rannte sie weiter. Dem Mädchen hing das kohleschwarze Haar in einem langen Zopf über den Rücken. Leseprobe

Er - das ist ein 40 Jahre alter Schriftsteller aus Quebec in einer Schaffenskrise. Künstlername: Jack Waterman. Sie, deutlich jünger, ist eine Halbindianerin und gelernte Automechanikerin mit ausgesprochenem Lesehunger. Eigentlich heißt sie Pitsémine. Wegen ihrer langen, dünnen Beine wird sie aber auch die 'große Heuschrecke' genannt. Später nimmt der Mann das Mädchen als Anhalterin mit. Von nun an bilden sie ein Trio: Der Schriftsteller, die Leserin und ihr Kater Chop Suey.

Suche nach dem verschollenen Bruder

Der Schriftsteller sucht seinen verschollenen Bruder, dessen letztes Lebenszeichen vor 20 Jahren eine geheimnisvolle Postkarte war. Die Spuren sind kärglich, ziehen sich aber durch ganz Amerika. Das Mädchen hilft dem Mann bei der Suche. Sie begegnen verschiedenen, oft schrulligen Persönlichkeiten, auch dem Schriftsteller Saul Bellow. Der sagt: "Wer seinen Bruder sucht, sucht alle Menschen."

Man darf den Gedanken ergänzen: Wer alle Menschen sucht, sucht letztlich sich selbst. Die Reise führt vom kanadischen Gaspé nach San Francisco in Kalifornien: vom Norden in den Süden, vom Osten in den Westen.

Es ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Denn mit ihrem alten VW Bus tuckern die drei über alte Siedlerstraßen. Hier sind in der Erde tiefe, mehr als hundert Jahre alte Fahrrillen von Planwagen zu erkennen, dort verdingte sich einst der Bison-Töter Buffalo Bill im Dienst der Eisenbahn, hier richtete Colonel Chivington ein Massaker an Indianern an.

Eine Reise in die Geschichte Amerikas

Es ist vor allem dieser fortwährend geführte, ungleiche Kampf französischstämmiger Siedler gegen die Einheimischen, der sich wie ein blutroter Faden durch die Reise zieht und nicht nur Jacks Gefährtin, die Halb-Innu Pitsémine bedrückt.

Man fängt an, über die Geschichte Amerikas zu lesen, und findet überall Gewalt. Als wäre ganz Amerika auf Gewalt gebaut. Leseprobe

Man muss an die Black-Live-Matters-Proteste unserer Tage denken, die Jack Watermans Eindruck zu bestätigen scheinen. Bei einem Zwischenstopp in Chicago sinniert er:

Es gibt noch immer viel Gewalt, aber inzwischen vermischt mit Business und Kultur. Seltsame Stadt. Ich weiß nicht, ob ich sie mag. But I think she's in my blood. Leseprobe

Im "Bulli" durch Nordamerika

Volkswagen Blues. Das Trio knattert immer weiter durch Nordamerika. Im Grunde ein Quartett. Denn wie eine weitere Person, hat auch das Fahrzeug, der Bulli, Charakter.

Der Mann hatte fast die ganze untere Hälfte der Karosserie runderneuert, mit Platten aus verzinktem Blech, die er selbst zugeschnitten, beigebogen und festgenietet hatte. Dank der dicken Bleche und großen Nieten sah der VW-Bus aus wie ein Panzerwagen. Darunter fraß der Rost sich jedoch munter weiter.
Und hier und da, an den Wänden und innen auf den Sperrholztüren der Schränke, fanden sich die unterschiedlichsten Graffiti; eine rätselhafte deutsche Inschrift unter der Sonnenblende über dem Fahrersitz lautete: 'Die Sprache ist das Haus des Seins.' Leseprobe

Die Sprache Poulins ist wie die seiner Vorbilder Jack London, Hemingway oder Jack Kerouac: schnörkellos, genau, alltagsnah. Humorvoll-melancholisch erzählt er die Geschichte einer Spurensuche in kurzen Episoden.

Am Ende ist es fast egal, ob Jack Waterman und die große Heuschrecke den verschollenen Bruder finden oder nicht. Sie lernen einander und ihre gemeinsame Geschichte als Nordamerikaner immer besser kennen und verstehen. "Volkswagen Blues" ist eine tiefsinnige Reiseerzählung und die berührende Geschichte eines besonderen und kuriosen Paars.

Volkswagen-Blues

von Jacques Poulin, aus dem Französischen von Jan Schönherr
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26761-9
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.09.2020 | 12:40 Uhr

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