Stand: 09.09.2016 10:30 Uhr  | Archiv

Die Schönheit eines Augenblicks

von Lenore Lötsch

Da wird einer im Alter von 69 Jahren entdeckt, nicht irgendwo, sondern im New Yorker MoMA; 1963 war das, als der Fotograf Jacques Henri Lartigue seine erste Einzelausstellung mit Schwarz-Weiß-Fotografien hatte. Eigentlich fühlte er sich viel mehr als Maler, doch weltweiten Ruhm erntete er, der ein Leben lang fotografierte, erst damals und galt fortan  als der "französischste" unter den französischen Fotografen. Mit Farbe verbindet man Lartigue nicht und doch kennt eines seiner Farbfotos fast jeder: Im August 1974 bat Giscard d'Estaing ihn um ein offizielles Fotoporträt: eine vergnügte Darstellung der Macht, im Hintergrund weht die französische Flagge. Nun ist ein Bildband erschienen, der zeigt: "Das Leben ist bunt", auch beim Fotografen Jacques Lartigue.

Experimente mit einer neuen Technik

Einer hat ihn gestoppt, den Schmalfilm aus längst vergangenen Zeiten, aber ganz sicher läuft er gleich weiter: Dann wird die korpulente Frau Mama vom rechten Bildrand mit wuchtigem Schritt über den schmalen Holzsteg gehen, wird die jungen Leute auffordern, nicht mehr länger in den Bach zu starren und ihre improvisierten Angeln endlich ins sepiafarbene Gebüsch zu werfen. Sicher gibt es gleich Tee und Gebäck in einer edlen Gartenlaube, die nicht im Bild ist. Doch Jacques Lartigue, der 18-jährige Fotograf mit der orangefarbenen Strickjacke, hat genau im Moment davor auf den Selbstauslöser gedrückt, hat sich so in die Reihe seiner Freunde mit den langen Röcken und weißen Sommerhosen gestellt, dass ihre farbigen Strickjacken einen Regenbogen imitieren. Nur eines verwundert: Warum halten sie ihre Angeln alle in der linken Hand?

Das Foto entstand im September 1913. Der junge Lartigue benutzte einen Stereoskopie-Apparat, verwendete Autochrome-Platten der Fotografiepioniere Lumière. Die später dreidimensional wirkenden Bilder wurden in einem Speziallabor in Paris entwickelt. Die Technik war neu, galt als Hobby für Vermögende. Jacques Lartigue war genau das. Sein Vater, einer der reichsten französischen Geschäftsmänner, hatte dem Achtjährigen seine erste Kamera geschenkt, und 1911 nach einem Ausflug mit seinem privaten Mathematiklehrer, schrieb Lartigue in sein Tagebuch:

"Monsieur Aubert hat mir ein Farbphoto gezeigt! Das macht mich ganz benommen, wenn ich an meine Photos denke. Wenn ich die so machen könnte!" Leseprobe

Farbfotos wie impressionistische Gemälde

Fortan experimentiert er und lichtet das süße Leben einer großbürgerlichen Spaßgesellschaft der 20er-Jahre in Farbe ab: Maskenball im Schnee von Charmonix, Golftraining in Rouzat, wenig später seine erste Frau Bibi, die mit verzücktem Gesicht üppige Rosensträuße im Arm hält und sie anlächelt, als seien sie ein Baby. Über allem ein rosa Schleier. Sind es noch Fotos oder doch schon impressionistische Gemälde? 

Von der Farbe zur Bewegung und wieder zurück

Plötzlich, 1927, macht Lartigue Schluss mit der Farbfotografie. Er will Bewegung einfangen, doch die Autochrome-Technik ist zu langsam, die Ausrüstung zu schwer. Später formuliert der Autodidakt seine Philosophie so:

"Die goldenen Regel lautet: Mach schnell! Daher gilt hinsichtlich Ausschnitt, Komposition, Kameraeinstellung: Nicht zu viel hinterfragen, sondern Vertrauen haben in die eigene Intuition und in lebendige Reflexe!" Leseprobe

Erst in den 50er-Jahren hat Lartigue seine Enttäuschung überwunden und wagt sich wieder an die Farbfotografie. Mittlerweile - schreibt er in seinem Tagebuch - ist er ein "mittelloser Milliardär". Doch seine Farbfotos erzählen etwas anderes: "Er gehört weiter zur High Society. Seine Freunde laden ihn ein: Der junge John F. Kennedy taucht auf einem Foto aus dem Jahr 1953 auf: Er trägt Hemd und Schlips, guckt scheu auf den Fußboden, während die Damen in Bikinis sich auf roten Terrassenstühlen räkeln. Doch nie wirken Lartigues Fotos wie eine Inszenierung der Prominenten. Etwa der entfesselt aufspringende Picasso im weißen langärmligen Unterhemd beim Stierkampf: Der Fotograf sucht, sieht und verewigt immer nur das eine: die Schönheit eines Augenblicks.

Ein glücklicher Blick auf die Welt

Jacques Lartigue bewahrte sich zeitlebens den Blick eines Glückskindes auf die Welt. Selbst wenn er die seine verließ, wie auf seinen Reisen, dann amüsierte er sich durchaus liebevoll über das Leben der anderen: Fotografierte die weiße Schlüpferparade, mit der der Wind in einem italienischen Dorf übermütig spielt oder 1965 den vielleicht achtjährigen Jungen auf dem Marktplatz in der Bretagne, in dessen Gesicht man die hintergründige Pfiffigkeit sieht und das Draufgängertum eines James Dean zu erkennen glaubt.

Die Farbfotos von Jacques Henri Lartigue sind ein Panorama des schönen "Es war einmal". Sie sind Momentaufnahmen aus einem anderen Jahrhundert, bei denen man sich wünscht, es würde jemand den Film weiterlaufen lassen.

Jacques Henri Lartigue: Das Leben ist bunt

von
Seitenzahl:
168 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Schirmer und Mosel Verlag
Bestellnummer:
978-3-8296-0749-0
Preis:
34,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.09.2016 | 17:40 Uhr

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