Stand: 16.01.2020 07:36 Uhr  - NDR Kultur

Jackie Thomae liest in Rostock

von Jürgen Opel

In der Reihe "Der Norden liest" kommen NDR Kultur Autorinnen und Autoren zu Wort. Und manchmal nicht zu Atem, weil Buch und Leben gleichermaßen Fragen über Fragen aufwerfen. Jackie Thomae hatte am Abend in Rostock damit kein Problem. Ihr Roman "Brüder" stand im vergangenen Herbst auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. NDR Kultur Redakteur Alexander Solloch hat sie im Literaturhaus Rostock getroffen. Herausgekommen ist eine launige Plauderei über die Literatur und das Leben.

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Jackie Thomae behandelt in ihrem Roman "Brüder" Themen zur Gestaltung des eigenen Lebens und der Beziehung.

"Es ist ein Roman, der zeigt, wie verschieden es im menschlichen Leben zugeht und dass alle, die dieses Leben auf einigermaßen anständige Art und Weise zu leben versuchen, ihre Gründe haben für das, was sie tun." Ein Intro, für das sich die Autorin Jackie Thomae herzlich bei Alexander Solloch bedankt.

Der Saal hat schon gut 150 Jahre in der schwarz-braunen Täfelung und von der etwas jüngeren Vergangenheit als Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft ist auch noch einiges übriggeblieben. Die Ambiente passt, obwohl "Brüder" von Jackie Thomae kein Ost- und kein Wenderoman ist. "Das ist insofern ein Gesellschaftsroman als dass eine alleinerziehende Mutter darin vorkommt", erläutert Thomae. "Es geht um so universell menschliche Fragen, wie: Was mache ich aus meinem Leben? Wie gestalte ich eine Beziehung? Oder ist Liebe ein Gefühl oder eine Entscheidung?"

"Es hätten auch meine Brüder sein können."

Die Geschichten von den grundverschiedenen Halb-Brüdern, die einander nicht kennen, obwohl sie denselben Vater und dessen dunkle Haut haben, hat sich eine Autorin mit ähnlichen Wurzeln ausgedacht: "Also der Vater ist Afrikaner und hat in der DDR studiert, die Mutter ist Deutsche. Die Brüder in meinem Roman haben zwei Mütter, es sind also Halbbrüder, sie haben denselben Vater", erklärt Thomae. "Ich habe sie mir ausgedacht. Es könnten aber meine Brüder sein und ich habe sehr viel Zeit mit ihnen verbringen müssen."

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Jackie Thomae, Jahrgang 1972, ist in Leipzig und Berlin aufgewachsen. Sie hat unter anderem eine Quereinsteigerkarriere als Comedy-Autorin hinter sich. Ironisch, liebevoll, locker und frech ist der Ton, wenn sie Mick, Bruder Nummer Eins, als pubertierenden Jugendlichen mit Essstörung vorstellt: "Alles musste probiert werden. Die intensiven Geschmäcker konnten gar nicht artifiziell genug sein: Illusionen von Barbecue, frischem Gebäck oder irgendwelchen Früchten, die die Natur so nicht zustande brachte. Fantasien aus Fett, Zucker und Chemielabor. Er fraß sich durch die Stadt."

Ein Roman für "schwarze Schafe"

Und ebenso locker ging es zwischen der Autorin und dem Moderator Alexander Solloch hin und her, wenn es im Gespräch um die biografischen Bezüge zwischen Jackie Thomae und ihren fiktiven Brüdern ging. "Es fragt übrigens nie jemand, ob meine Mutter auch studiert hat", schmunzelt die Autorin, "hat sie!"

Von den gut 50 Besuchern hatten längst nicht alle das Buch schon gelesen. Und waren dennoch amüsiert. "Ich nenn' sowas immer 'Badewannenbuch'", sagt einer der Besucher und ergänzt "aber nein, das stimmt natürlich nicht. Und wenn Leute sagen, das ist ein Gesellschaftsroman, leuchtete mir das in diesen Ausschnitten auch ein." Eine andere Besucherin ist etwas enttäuscht über die teils verhaltenen Reaktionen des Publikums.

Zum Schluss klärt die Autorin noch auf, wer mit der Widmung in ihrem Roman - "Für Euch, schwarze Schafe" - gemeint ist: "Ich meinte damit überhaupt nicht Hautfarben, sondern alle Leute, die sich aus irgendeinem Grund als schwarze Schafe gefühlt haben oder selbst als schwarze Schafe wurden. Und denen widme ich das Buch."

Die Rostocker Lesung mit Jackie Thomae hören Sie am 1. März in der Sendung Sonntagsstudio bei NDR Kultur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.01.2020 | 06:40 Uhr

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