Stand: 16.09.2019 11:09 Uhr

Anekdoten aus dem Schulalltag

Die Lehren des Schuldirektors George Harpole
von J.L. Carr, aus dem Englischen von Monika Köpfer
Vorgestellt von Katja Lückert

Joseph Lloyd Carr wurde 1912 in der Grafschaft Yorkshire geboren. In einer Zeit, so schrieb er im Vorwort seines Romans "Ein Monat auf dem Land", in der man noch mit Pferd und Pflug die Felder bestellte und eine Kerze mitnahm, wenn man ins Bett ging.

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Der Dumont-Verlag hat auf das Buchcover zum Thema passend einen Papierflieger gedruckt.

Obwohl er selbst ein schlechter Schüler war, wurde er Lehrer und schließlich sogar Schulleiter in Kettering. 1966 gab J. L. Carr den Beruf auf, gründete einen eigenen Verlag und verfasste acht Romane. Der erste davon war "Die Lehren des Schuldirektors George Harpole", der jetzt erstmalig auf Deutsch erscheint.

Die Grundschule St. Nicholas in Tampling, einer fiktiven englischen Kleinstadt, das ist der Kosmos, im dem sich die Geschichte abspielt. Im Grunde müsste man sagen: die Geschichten, denn der "Harpole-Report", wie dieser Klassiker über das englische Schulwesen im Original heißt, versammelt eine Reihe kleiner Anekdoten aus dem Schulalltag des George Harpole.

Mein erster Tag als stellvertretender Rektor an unserer Schule. Zu meinem Leidwesen hat sich nichts ereignet, was meines Eingreifens bedurft hätte. Mir ist bereits jetzt bewusst, wie sehr ich das turbulente Treiben in einem Klassenzimmer vermissen werde, und ich hoffe, dass die Begabtenklasse nicht unter meiner Abwesenheit leidet und meine bisherige Arbeit weiterhin Früchte trägt. Leseprobe

Ein Direktor mit neuen Ideen

Harpole wurde aus dem Kreis seiner Kollegen kurzerhand zum Vertretungsrektor ernannt, was bekanntermaßen nicht unbedingt die beste Ausgangslage für jegliche Ambitionen ist. Harpole beginnt also eine Reihe von Neuerungen einzuführen. Er möchte, dass zum einen künftig allmorgendlich die britische Flagge gehisst wird, und zum anderen, dass die Züchtigung der Kinder ein Ende findet.

Seine Ideen, ob eher konservativ oder progressiv, treffen ständig auf Gegenwehr von Seiten seines kleinen nur fünfköpfigen Kollegiums, von denen die meisten einfach nur wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Besonders James Albert Pintle gehört schnell zu Harpoles Widersachern:

Ich bin ein Lehrer der alten Schule und weigere mich, auf dieser Welle des nationalen Sittenverfalls zu schwimmen. Daher bin ich nicht gewillt, ihrer Anweisung zu folgen, sondern werde die Angelegenheit derweil meinen Arbeitgebern zur Kenntnis bringen und sie um eine Handlungsanweisung bezüglich Ihres Vorstoßes bitten. Leseprobe

Briefe und Tagebucheinträge geben Einblick in den Schulalltag

In Briefen, kleinen Notizen von Harpole an seine Kollegen, den Hausmeister Mr. Theker oder die Schulbehörde, sowie aus Tagesbucheinträgen und privaten Briefen erfährt der Lesen vom Leben an der St. Nicholas Schule: von verlausten Kindern, die selten zur Schule kommen, von Eltern, die eine strengere Erziehung wünschen und mit allen Mitteln das Fortkommen ihrer Kinder betreiben und von einer übergriffigen Stadträtin, die Harpole mit ihren sexuellen Avancen das Leben schwer macht.

Angefertigt wurde dieser vorgeblich dokumentarische Bericht von einem Erzähler, vermutlich dem Alter Ego des Autors, der jedoch zuweilen Harpoles Handlungen und Entscheidungen kommentiert.

Harpole hat sich in diesem Kampf für die Flagge nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Im Grunde war es eine gute Idee, denn das morgendliche Fahnenhissen hätte sicher für ein wenig Heiterkeit gesorgt, das den Kindern bestimmt gefallen hätte. Durch seinen Rückzieher hat Harpole das Gesicht verloren, und zwar gegenüber allen Beteiligten. Leseprobe

Mit viel Humor und Augenzwinkern beschreibt Joseph Carr die Schule als eine recht schwerfällige Institution, die Reformen gegenüber kaum aufgeschlossen ist, weil sie internen Querelen und Machtspielen verhaftet ist. Doch wenn so viele unterschiedliche Menschen täglich zusammen sind, geschehen auch viele unfreiwillig komische Dinge, etwa wenn eine Schulklasse beim Ausflug von einer Bullenherde angegriffen wird und eine Lehrerin einen Gummistiefel verliert und von Schülern gestützt nach Hause hopsen muss. Joseph Carrs Panoptikum der Schule aus dem England der 50er-Jahre wirkt erstaunlich aktuell und heutig und ist dabei amüsant und leicht erzählt.

Die Lehren des Schuldirektors George Harpole

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-8393-6
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.09.2019 | 12:40 Uhr

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