Stand: 21.09.2020 18:39 Uhr

"Isadora": Comic über Pionierin des Ausdruckstanzes

von Andrea Schwyzer

Sie gilt als Wegbereiterin des modernen Tanzes: Die Amerikanerin Isadora Duncan. Anfang des 20. Jahrhunderts eroberte sie die Bühnen in Paris, Berlin, Wien und St. Petersburg. Sie tanzte ohne Korsett und barfuß, suchte die Freiheit und Naturverbundenheit im Tanz. Duncan führte ein unkonventionelles Leben, das von etlichen Höhen und Tiefen geprägt war. Die Graphic Novel "Isodora" versucht nun, dieses Leben in Bildern nachzuerzählen.

Da steht sie. Still und in sich gekehrt. Die weiße Tunika sieht aus wie ein Nachthemd. Arme und Beine sind nackt. Die Füße sowieso. Noch sind die Augen geschlossen, das Schweinwerferlicht bereits auf sie gerichtet. Dann, plötzlich, fließt alles. Isadora Duncan tanzt. Luftig leicht schwebt sie über die Bühne. Sie wird verehrt und vergöttert.

Die Gottheiten, vor allem die griechischen - sie waren mitunter Isadoras Inspiration. Auf den Buchseiten schlendert sie mit ihrem Bruder Raymond durch die Pariser Museen und spricht scherzhaft mit kopflosen Skulpturen. Doch ganz besonders fasziniert sie das Werk von Auguste Rodin.

Plötzlich sah ich, was mir fehlte: Die magische Anziehung zweier sich aneinanderschmiegender Körper. Diesen Terror, diese Ekstase wollte auch ich kennenlernen. Leseprobe

Als ihr Rodin höchstpersönlich Avancen macht, kneift sie allerdings - und bereut es sogleich.

Isodora Duncan erobert Europa

Als Duncan Anfang zwanzig ist, nimmt ihre Karriere Fahrt auf. Die Graphic Novel erzählt von diesem Aufstieg: Wie Isadora mit ihrer Mutter, dem Bruder und der Schwester auf einem Viehfrachter Amerika verlässt. Wie die Duncans der Armut mit Humor entgegentreten. Wie sie sich in der Londoner High Society einnisten und Isadora von dort aus Europa erobert. In meist kurzen Sequenzen erzählt die Autorin Julie Birmant von schicksalhaften Begegnungen, etwa mit dem Dirigenten Sir Charles Hallé, mit Cosima Wagner oder der Tänzerin Loïe Fuller.

Isadoras Leben war aber auch geprägt von unerwiderter und glückloser Liebe, Eifersucht und vor allem dem tragischen Tod ihrer ersten beiden Kinder. Sie sitzen in einem Auto, das rückwärtsrollend ins Wasser fällt. Der Chauffeur panisch, aber machtlos. Schemenhaft verliert sich der Wagen in der trüben Seine - ein Drama in Grautönen, von Zeichner Clément Oubrerie eindrücklich inszeniert.

Alkoholexzesse und zertrümmertes Hotelmobiliar

Wie traumatisch dieses Erlebnis für Isadora war, wird in der Graphic Novel nicht weiter thematisiert. Dagegen nimmt die Ehe von Isadora mit dem 17 Jahre jüngeren russischen Dichter Sergej Jessenin erstaunlich viel Platz ein. Es war unumstritten die turbulenteste Beziehung, die "die Duncan" je geführt hat, inklusive Alkoholexzessen und zertrümmertem Hotelmobiliar.

Nicht erwähnt wird dagegen, mit welcher Hingabe Isadora junge Frauen unterrichtet hat - in ihrer eigenen Tanz-, man könnte auch sagen Lebensschule. Ihre politische Haltung, die sie in ihren Choreographien mutig zum Ausdruck brachte? Nichts davon. Obwohl dieser Comic mit poetischen Bildern und neckischen Anekdoten aufwartet, wirkt Isadora auf den Zeichnungen allzu oft wie ein verschrecktes Reh. Dabei war sie auch eine Rebellin. Eine starke Frau, die im Tanz Erfüllung fand - und tragisch starb. Ihr überlanger roter Schal verfängt sich am 14. September 1927 in den Speichen eines Sportwagens.

Als Erinnerung bleibt ihr Schal. Sie ähnelt ihm, frei und fliegend, die Straßen entlangrennend, ruhelos und tanzend. Leseprobe

 

Isadora

Seitenzahl:
140 Seiten
Genre:
Graphic Novel
Zusatzinfo:
Aus dem Französischen von Silv Bannenberg. Handlettering von Dirk Rehm.
Verlag:
Reprodukt
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 22.09.2020 | 15:20 Uhr

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