Stand: 14.11.2018 16:47 Uhr

Vorlesetag bei Starbucks: Autorin lehnt ab

von Katharina Mahrenholtz
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Kinder- und Jugendbuchautorin Isabel Abedi schrieb Bestseller wie "Lola" oder "Die längste Nacht".

Am Freitag findet in Deutschland der Vorlesetag statt. Initiatoren sind die Stiftung Lesen, die Zeit-Stiftung und die Deutsche Bahn Stiftung. Um eine möglichst große Reichweite zu schaffen, gibt es mehrere Unterstützer - unter anderem den Deutschen Bibliotheksverband, Aktion Mensch, die Deutsche Waldjugend. Seit dem vergangenen Jahr beteiligt sich auch die Kaffeehauskette Starbucks als Unterstützer. Unpassend, findet die Hamburger Autorin Isabel Abedi, die von Starbucks zum Vorlesen in einer Filiale eingeladen wurde. Sie schrieb einen offenen Brief (PDF) an die Initiatoren.

Irritation durch Anfrage von Starbucks

Die Anfrage von Starbucks hat Isabel Abedi sofort irritiert. Starbucks brauche ihre Hilfe, weil sie als Kinderbuchautorin wisse, wie man Menschen in eine andere Welt entführt, hieß es darin. Grundsätzlich ist Isabel Abedi - Autorin von Bestsellern wie "Lola" oder "Die längste Nacht" - gern bereit, ehrenamtlich für einen guten Zweck zu lesen. Dass ein Millionenkonzern eine Künstlerin um Hilfe bittet, findet sie aber unangemessen. Hinzu komme, so Abedi, dass der Vorlesetag in diesem Jahr unter dem Motto "Natur und Umwelt" stehe, während Starbucks durch nicht recycelbare Kaffeebecher erheblich zum Müllproblem beitrage.

Isabel Abedi: "Das finde ich fragwürdig"

"Es ist auch möglich, mit einem eigenen Becher zu Starbucks zu gehen", sagt Isabel Abedi. "Nichtsdestotrotz produzieren sie jedes Jahr über vier Milliarden Becher, sie haben noch Plastikstrohhalme - die Alternativen sind umweltfreundliche Strohhalme in Plastik eingewickelt. Die Stiftung Lesen schrieb mir, dass die Initiatoren dieses Jahr zum ersten Mal ein vorgeschlagenes Jahresthema aufgreifen können - durch die inhaltliche oder äußere Gestaltung von Vorleseaktionen. In dem Anschreiben von Starbucks war aber gar kein Motto erwähnt. Das finde ich fragwürdig."   

Stiftung Lesen: "Teilnehmer sind selbst Veranstalter"

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"Ein Coffeeshop ist kein Ort, wo ich in erster Linie Kinder sehe", sagt Autorin Isabel Abedi.

Hans Georg Selge von der Stiftung Lesen findet die Kritik nachvollziehbar, betont aber, dass der Vorlesetag ein offenes Format sei. "Die Teilnehmer am Vorlesetag sind selbst Veranstalter. Die Initiatoren haben mit den Veranstaltungen vor Ort sozusagen nichts zu tun", erklärt Selge. "Wenn wir sagen würden, wir prüfen alle Unternehmen, die sagen, sie rufen ihre Mitarbeiter dazu auf, am bundesweiten Vorlesetag mitzumachen, dann würden wir dem Kernanliegen des bundesweiten Vorlesetags, nämlich dem Vorlesen für alle Kinder, keinen Gefallen tun."

Verweis auf Starbucks große Reichweite

Heiligt der Zweck also die Mittel? Und wie weit kann man dann gehen, um die gute Sache Leseförderung voranzutreiben? "Die grundsätzliche Abwägung, die zu treffen ist und die wir auch immer treffen, ist: Was steht im Vordergrund?", erklärt Selge. "Ist es die Werbewirkung für das Unternehmen oder den Partner oder ist es die Bedeutung für die Leseförderung und das Vorlesen? Das ist eine Abwägung, die wir bei Starbucks im vergangenen Jahr so getroffen haben. So, dass wir gesagt haben: Diese Reichweite ist uns so viel wert, dass wir Starbucks als Unterstützer führen."

Abedi: "Ein Coffeeshop ist kein Ort, wo ich in erster Linie Kinder sehe"

Isabel Abedi hat viele Jahre in der Werbung gearbeitet. Ihr sei klar, sagt sie, dass Leseförderprojekte Sponsoren und Unterstützer brauchen, um eine möglichst große Wirkung zu erzielen. Aber hier sei eine Grenze überschritten worden - nicht nur wegen des Umweltthemas. "Ich finde es ein bisschen fragwürdig, Kinder in diesem Alter an eine Marke zu binden, die für sie artfremd ist", sagt sie. "Ein Coffeeshop ist kein Ort, wo ich in erster Linie Kinder sehe. Ich würde auch nicht bei McDonalds lesen - das finde ich widersprüchlich."

Autorin liest jetzt in einer Schule in Stuttgart

Downloads

Der offene Brief von Isabel Abedi

Der offene Brief der Autorin Isabel Abedi zur Einladung von Starbucks zum bundesweiten Vorlesetag am 16. November 2018 (pdf-Datei). Download (392 KB)

Die prominenten Vorleser tragen entscheidend dazu bei, dass der Vorlesetag von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Paul Maar liest in einer Grundschule, Kirsten Boie in einer Jugendmusikschule, Margit Auer in einer Stadtbibliothek, Linda Zervakis in einer Kindertagesstätte. An solchen oder anderen öffentlichen Orten hätte Isabel Abedi den Vorlesetag auch in ihrer Heimatstadt Hamburg gern unterstützt. Die "Einladung" der Starbucks-Filiale hat sie nicht angenommen. Sie liest jetzt in einer Schule in einem ökonomisch schwachen Stadtteil von Stuttgart.


14.11.2018 16:47 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Starbucks produziere über vier Millionen Pappbecher pro Jahr. Tatsächlich sind es über vier Milliarden pro Jahr. Wir haben die Zahl an entsprechender Stelle korrigiert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 15.11.2018 | 06:55 Uhr

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