Stand: 24.07.2020 10:57 Uhr  - NDR Kultur

Irvine Welshs großes Finale von "Trainspotting"

Die Hosen der Toten
von Irvine Welsh, aus dem Englischen von Stephan Glietsch
Vorgestellt von Stefan Maelck

Der schottische Autor Irvine Welsh ist 1993 mit seinem Debutroman "Trainspotting" und mehr noch durch Danny Boyles Verfilmung des Stoffes 1996 weltweit bekannt geworden. Die Geschichte einer Heroin-Clique in Leith, einem Stadtteil von Edinburgh, traf den Nerv der Zeit - Buch, Film und Soundtrack sind heute Kult in der Popkultur. 2017 kam auch die Fortsetzung "T2 Trainspotting" in die Kinos. Die Vorlage zu dem Film, der Roman "Porno", stammt bereits aus dem Jahr 2002. Nach "Kurzer Abstecher" 2017 erscheint nun mit "Die Hosen der Toten" das große Finale von "Trainspotting".

In Irvine Welshs neuem Roman gibt es ein Wiedersehen mit den "Trainspotting"-Helden "Rent Boy", "Franco", "Spud" und "Sick Boy".

Der Schotte Irvine Welsh arbeitet wie kein anderer immer wieder gern mit Figuren aus seinem Personal. Am liebsten sind ihm dabei die vier Gestalten, die ihm seit "Trainspotting" weltweit Bestseller bescherten - da ist zunächst also Mark "Rent Boy" Renton.

Für "Rent Boy" wird das Leben mit 50 anstrengend

Der gebildete und immer noch gut aussehende Rent Boy verdient sein Geld als DJ-Manager. Klingt nach Jetset. Ist es auch. Aber für einen Mann um die 50 wird das auch langsam anstrengend mit den Frauen, den Drogen, den langen Nächten in den Clubs. Dance Music kennt eben keine Grenzen - außer dem dräuenden Brexit natürlich, denn die Handlung spielt vom Mai 2015 genau bis Juni 2016.

Mein Name is Mark Renton, und ich bin ein Schotte, der permanent zwischen den Niederlanden und den USA pendelt. Den größten Teil meines Lebens verbring ich in Hotels, an Flughäfen, am Telefon sowie mit dem Lesen und Schreiben von E-Mails. Ich hab 24 000 Dollar auf nem Konto der Citibank in den USA, 157 000 Dollar bei der ABN AMRO in den Niederlanden und 328 Pfund bei der Clydesdale Bank in Schottland. Übernachte ich ausnahmsweise mal nich im Hotel, bette ich meinen Kopf auf ein Kissen in ner Amsterdamer Wohnung mit Kanalblick oder ner balkonlosen Wohnanlage in Santa Monica, die ne gute halbe Stunde Fußweg vom Meer entfernt is. Das is zweifellos besser, als arbeitslos zu sein (...)

"Franco" ist Künstler und "Spud" sitzt weiter in der Scheiße

Francis "Franco" Begbie, dieser notorisch aggressive Kleinkriminelle, lebt inzwischen als Künstler in Kalifornien und scheint sich völlig geändert zu haben. Danny "Spud" Murphy, der süchtige Prügelknabe, sitzt nach wie vor tief in der Scheiße, in die er sich selbst geritten hat und schlägt sich mit Betteln durch.

Also bin ich zufrieden mit meiner Ausbeute von zwölf Pfund und zweiundsechzig Pence. Vier Stunden in der Kälte, und der Verdienst liegt immer noch unterm Mindestlohn, auch wenn man nur fürs Rumstehn bezahlt wird. Schon komisch, aber wenn man anfängt zu betteln, setzt man sofort dieses Gesicht auf: diese traurige Elendsvisage, die der Welt n lautes "Helft mir!" entgegenbrüllt. Am Ende des Tages, wenn dir die Kälte in die Knochen gekrochen is, musste dich dafür nich mehr verstellen. 

Irvine Welsh lässt seine Figuren in gewohnter Weise selbst erzählen - wobei die renitentesten am häufigsten zu Wort kommen - und neben Renton ist das natürlich der vierte im Bunde: Simon "Sick Boy" Williamson. 

Alkohol und Drogen sind was für junge Hüpfer: Es gibt kaum was Schlimmeres als nen Schnaps- oder Ecstasy-Kater mit über fünfzig. Man fühlt sich einfach nur dumm und schwach. Das lässt sich auch mit Weihnachten nich entschuldigen, denn es is doch nun mal so: Dieses dürftige, mit jedem Mal weiter schwindende bisschen Spaß, das man solchen Eskapaden in diesem Alter noch abtrotzen kann, rechtfertigt in keinster Weise den zwangsläufig darauf folgenden, extralangen Horrortrip. 

"Sick Boy" betreibt Escort Service

Sick Boy, ein Mann ohne jede Moral, unterhält mittlerweile einen Escort Service in London und versorgt sogar seinen 15-jährigen Neffen mit einer Liebesarbeiterin. Und das ist erst der Anfang, denn natürlich kreuzen sich die Wege der vier Hauptfiguren und nach anfänglicher Freude über das Wiedersehen brechen schnell die alten Konflikte wieder auf. Denn schließlich kann man die Menschen aus Leith rausholen, aber Leith nicht aus den Menschen.

Welsh ist Meister des saukomischen bitterbösen Sarkasmus

Welsh ist der absolute Meister des saukomischen bitterbösen Sarkasmus - aber nicht nur vor dem Autor sollten wir uns verneigen, auch vor dem Übersetzer Stephan Glietsch, der dem Duktus des Originals folgt und trotzdem einen eigenen deutschen Sound findet.

Und wer den Titel "Die Hosen der Toten" für genauso blöd hält wie die Pseudo-Punk-Kapelle, an die er erinnert: Im Original heißt der Roman wirklich: "Dead Men’s Trousers".

Die Hosen der Toten

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Heyne
Bestellnummer:
978-3-453-27233-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.07.2020 | 12:40 Uhr

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Irvine Welsh: "Die Hosen der Toten"

24.07.2020 12:40 Uhr
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In "Die Hosen der Toten" gibt es ein Wiedersehen mit den Helden von "Trainspotting". Einmal mehr zeigt Irvine Welsh sich als Meister des bitterbösen Sarkasmus. Audio (04:19 min)

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