Stand: 18.06.2017 12:00 Uhr

Familiengeschichte über vier Generationen

So tun, als ob es regnet
von Iris Wolff
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

Bei den jungen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die aus den diversen Schreibschulen über uns kommen, lässt sich ein Phänomen beobachten: Viele haben zwar sehr viel Talent, kunstvoll mit Sprache umzugehen, aber sie haben kein Thema, für das sie wirklich brennen.

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Neben dem Schreiben arbeitet Iris Wolff als Koordinatorin für Kulturelle Bildung in Freiburg.

Das ist bei Iris Wolff, die 1977 in Hermannstadt in Siebenbürgen geboren ist, anders: Seit sie 1985 mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen ist, beschäftigt sie ihre Herkunft. Auch ihr dritter Roman "So tun, als ob es regnet" umkreist wieder die Geschichte jener Region, in der sie aufgewachsen ist.

Über Herkunft und Heimat

"Roman in vier Erzählungen" heißt es im Untertitel dieses schmalen Büchleins, das schon wegen der aparten Umschlagillustration neugierig macht. Es ist die Zeichnung einer jungen Frau, die im Mondlicht still auf ihrem Stuhl sitzt. Im Hintergrund ein junger Mann und eine Katze auf dem Dach. So stellt man sich die Schriftstellerin Iris Wolff vor, wenn ihr die Ideen zu ihren Büchern kommen. Sie bedient sich dafür auch der Inspiration durch andere Schriftsteller. Die erste Geschichte geht auf die Lektüre des rumänischen Tagebuchs von Hans Carossa zurück:

Noch vor wenigen Wochen hätte er mit dem Mann, der jetzt vor ihm stand und sich in der Wahrscheinlichkeit des Todes einrichtete, Freundschaft schließen können. Dann hatte das Königreich Rumänien den Mittelmächten den Krieg erklärt, und jetzt musste er schneller sein, kaltblütiger als sein Gegenüber. Leseprobe

Im ersten Moment wundert man sich, wie eine jetzt gerade mal Vierzigjährige darauf kommt, über einen Soldaten im Ersten Weltkrieg zu schreiben. Jacob trauert um seinen Bruder Henri, einen sehr introvertierten, naturverbundenen Jungen, der sich in den Tod gestürzt hat. Bei der Bauersfrau Alma, die bereits drei Töchter hat, findet der sensible Jacob kurzzeitig Trost. Dann kehrt er ins Feld zurück und stirbt.

Lautlos fiel der Schuss, ein exakter Kopfschuss, der Jacob auf der Stelle tötete. Leseprobe

Die Geschichte der Vorfahren

In der zweiten Erzählung lernen wir Henriette kennen. Sie ist ein zugleich aufgewecktes und verträumtes Kind. Spätestens wenn klar wird, dass ihre Mutter Alma heißt und sie drei ältere Schwestern hat, ist der Zusammenhang zur ersten Erzählung deutlich. Iris Wolff erzählt eine Geschichte der Vorfahren.

Henriette wird später einen Sohn haben, den sie bei ihrer Schwester zurücklässt. Erst in der vierten Erzählung, in der Hedda im Mittelpunkt steht, die Tochter jenes Sohnes, findet sich ein Hinweis darauf, dass Henriette 1945 vergewaltigt wurde.

Sie schien die Zeit mit ihrer Enkeltochter zu genießen, als wäre es eine andere gewesen, die sich mit siebenundzwanzig Jahren versteckt hatte, als die deutsche Bevölkerung nach Russland verschleppt worden war. Doch es gab Augenblicke, in denen Henriette abwesend wirkte. (...)
Was sie auch hier erlebt hatte, an was sie sich gern erinnerte und was sie vergessen wollte, sie machte den Eindruck, als würde ihr klarwerden, dass sie immer zu diesem Ort gehören würde. Leseprobe

Leben mit leichtem Gepäck

Hedda geht keine enge Bindung ein und hat keine Kinder. Sie nimmt sich die Freiheit, auf La Gomera zu leben. Ihre Eltern, die einst mit ihr aus Siebenbürgen ausreisten, hat sie in Deutschland zurückgelassen. Vielleicht ist es deren schweres Erbe, das sie mit möglichst leichtem Gepäck reisen lässt.

Heddas Welt war die zwischen Wölfen und Lämmern, die, bei der man nicht sagen konnte, ob sie wahr oder erfunden ist, jene, die vor allem Endgültigen geschützt ist, weil sie nach außen hin kaum Tatsachen schuf, die nicht mehr rückgängig zu machen waren. Leseprobe

Der Autorin gebührt große Bewunderung für die scheinbar spielerische Fingerfertigkeit, mit der sie den Soldaten Jacob, der Vater wurde, ohne jemals davon zu erfahren, und fern der Heimat sterben musste, mit der Hedda, die ihren Platz in der Welt nicht so recht finden kann, in eine direkte Beziehung zueinander setzt. 160 Seiten Text, der mindestens noch einmal so viel dem Leser selbst überlässt. So sollte Literatur sein!

So tun, als ob es regnet

von
Seitenzahl:
166 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Otto Müller Verlag
Bestellnummer:
So tun, als ob es regnet
Preis:
17,00 €

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