Stand: 22.06.2020 08:14 Uhr

Iris Hanikas Hommage an New York und Berlin

von Jan Ehlert

Für die Schriftstellerin Iris Hanika ist Sprache das beste Mittel, um die Gegenwart auszuhalten. Das sagte sie vor ein paar Jahren in einem NDR-Interview. In ihren Büchern, für die sie unter anderem mit dem Literaturpreis der Europäischen Union und dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet wurde, spielen Sprache und Grammatik daher immer eine wichtige Rolle - genauso wie ein ironischer kulturpessimistischer Blick auf die Jetztzeit. Im Droschl-Verlag ist nun ihr neuer Roman erschienen: "Echos Kammern" heißt er. Jan Ehlert stellt ihn vor.

 

Die Geschichte von Narziss und Echo zählt zu den tragischsten Erzählungen der griechischen Mythologie. Beide wurden von den Göttern mit einem Fluch belegt. Narziss, der schöne Jüngling, verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild. Echo, die geschwätzige Nymphe, unsterblich in Narziss verliebt, wurde die Fähigkeit genommen, eigene Gedanken auszudrücken.

Sie sagt nichts Neues, nie etwas Neues, nicht und nichts Neues, sie sagt immer und ausschließlich dasselbe wie das soeben Gehörte, wie das zuvor schon Gesagte. Es scheint, sie hätte keine eigene Meinung. Aber das ist nicht wahr. Sie kann sie nur nicht mitteilen, denn dafür haben die Götter sie nicht gemacht. Und mit der Zeit gewöhnt sie sich daran und vergißt, was sie selber denkt. Leseprobe

Sophonisbes neue Sprachwelt

Die sogenannten "Echokammern" in den sozialen Netzwerken lassen grüßen. Aber wie sagt man etwas Neues, etwas noch nie Dagewesenes? Sophonisbe, mittelalte und mittelmäßig erfolgreiche Neudichterin des Echo-Mythos, nämlich aus feministischer Sicht, und zudem Trägerin eines Namens, der auszurufen scheint: Ich bin etwas Besonderes, Sophonisbe also versucht es auf die radikale Art: Sie erfindet eine neue Sprache.

Auf die war sie total stolz, weil sie dachte, mehr könne ein Dichter nicht schaffen, als eine eigene Sprache zu entwickeln, also nicht einfach nur einen eigenen Stil, was völlig normal ist, das macht ja jeder, sondern eine eigene Sprache! Der Hammer! Stefan George mag seine eigene Schrifttype entwickelt haben, aber was ist das schon gegen eine eigene Sprache! Leseprobe

Seitenweise lässt Iris Hanika ihre Leserinnen und Leser in Sophonisbes Sprachwelt eintauchen, die sich in etwa anhört wie ein Amerikaner, der zwar Vokabeln kennt, Grammatik aber gern ignoriert.

In der Nacht ich bin gefahren über Manhattan Bridge mit Subway von Brooklyn nach Manhattan, und ich habe mich erinnert an Paris, wo Metro fährt über Seine, weil habe ich gesehen die Lichter der Stadt auf andere Seite von Fluß. Leseprobe

In New York trifft Echo-Sophonisbe auf ihren Narziss: Josh, jung, schön, dessen verführerisches Spiegelbild sein Smartphone zu sein scheint.

Als er bemerkte, dass er angeschaut wurde, hob er den Blick, und als er sah, dass sie es war, die ihn anschaute, verwandelte sich sein Gesicht in das olympische Strahlen, das sie so verstört hatte. Daran erinnerte sie sich jetzt und fragte sich, warum sie sich darüber eigentlich geärgert hatte. Er konnte doch nichts dafür, wie er aussah! “Hi, Sophi. How are you?” Er konnte aber etwas dafür, dass er wusste, wie er aussah, und sich so malerisch hingesetzt hatte, dass er aufschauen konnte wie im Film. Leseprobe

Auf einer Party bei Beyoncé

Es sind starke, einleuchtende Bilder, mit denen Iris Hanika den alten Mythos in die neue Zeit holt. Und doch ist er nur ein Detail in einer größeren Erzählung, in der der Plot jederzeit von einer plötzlich auftretenden Dea Ex Machina in eine völlig neue Richtung getrieben werden kann - inklusive eines herrlich bösen, für sich stehenden Zwischenspiels über die Berliner Partyszene. Die Pop-Sängerin Beyoncé findet hier genauso ihr Echo wie Gedichte von Uljana Wolf oder Cole-Porter-Songs.

Immer wieder sprengt Hanika so die Grenzen der eigenen Echokammern, schafft Momente des Wiedererkennens und lässt doch jede Erwartung ins Leere laufen. Ihr Ziel sei es, etwas völlig Sinnloses zu schreiben, erzählt Hanika. Das ist irritierend, provozierend - vor allem aber unglaublich unterhaltsam. Und tatsächlich ein Buch, das man so noch nicht gelesen hat.

 

Echos Kammern

von Iris Hanika
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Droschl
Bestellnummer:
978-3-9905-9056-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.06.2020 | 12:40 Uhr

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