Stand: 07.10.2019 14:03 Uhr

"Das Beste ist, ich kenne das Gesicht nicht"

von Michael Köhler

Künstler, Komponisten, Publizisten, Dissidenten, Architekten, Sänger, Schriftsteller und Wissenschaftler hat die Hamburger Fotografin Ingrid von Kruse in den letzten Jahrzehnten porträtiert. Die kultivierte "Menschenfängerin" lebt an der Hamburger Außenalster und ist von ansteckender Vitalität und Neugier. Vor vier Jahren hat sie mit dem Buch "Charakterbilder" eine Auswahl an Geschichten um und hinter den Porträts vorgelegt. Nun erscheint "Begegnungen", der zweite Band ihrer ausgewählten Porträts und literarischen Geschichten. Sie handeln vom Schöpfergeist und Glück des Gesprächs mit Leonard Bernstein, Ariane Mnouchkine, Charles Aznavour, Sofia Gubaidulina, Dietrich Fischer-Dieskau, Andrzej Wajda, Norman Foster, Helmut Schmidt, Seyran Ateş und vielen anderen. Herausgekommen ist ein Stück Kultur- und Zeitgeschichte.

Porträts von Ingrid von Kruse

Ihre Frauenporträts sind unnachahmlich. Ariane Mnouchkine, die Gründerin des Theatre du Soleil, im Profil. Oder Anita Lasker-Wallfisch: Wir sehen die Holocaust-Überlebende als nachdenkliche Dame und Künstlerin. Ähnlich auch Literaturnobelpreis-Trägerin Herta Müller: Auch ihr Blick geht von oben rechts nach links unten, nicht frontal in die Kamera. Beinahe wäre es aufgrund der persönlichen Erfahrungen Herta Müllers, die im neostalinistischen Rumänien Verhören durch den Geheimdienst Securitate ausgesetzt gewesen war, gar nicht dazu gekommen: "Schließlich kam sie, vollkommen aufgelöst und aufgeregt: 'Ich hätte das absagen sollen, schon unterwegs habe ich mir gesagt: Warum habe ich zugesagt?' Und sie hat es auch erklärt, dass sie in diesem Moment - wegen der Scheinwerfer während dieser Verhöre in Rumänien - dachte, 'Jetzt liefere ich mich wieder aus.' Das muss sie wohl so beängstigt haben."

Das Porträt als fotografisch-literarische Plastik

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Die Werke der Hamburger Fotografin Ingrid von Kruse (Jahrgang 1935) zählen zum Bestand öffentlicher und privater Sammlungen.

Ingrid von Kruse arbeitet im besten Sinne altmodisch. Ohne Kunstlicht und viel Zubehör. Die Porträtierten wirken daher gelassen, unängstlich. In Ingrid von Kruses Porträts entdeckt man Züge an Menschen, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt. Es sind kontemplative, entbergende Porträts: fotografisch-literarische Plastiken. Sie schälen einen inneren Geist hervor: nie exzentrisch - ihr geht es um die Balance zwischen Distanz und Nähe: "Das ist das Anstrengendste, ohne dass ich das merke: Die Situation auszutarieren, dass der andere sich einerseits öffnet, sich aber nicht - wie soll ich sagen - durchleuchtet fühlt."

Persönliche Begegnungen mit namhaften Zeitgenossen

Henry Kissinger etwa wusste, dass die Fotografin und Autorin Marion Dönhoff und Helmut Schmidt mehrfach getroffen hat: "'Wie viel Zeit hat Helmut Ihnen denn gegeben?' - Da habe ich gesagt: Helmut habe ich dreimal getroffen. Er hat mir doch etwas mehr Zeit gegeben. Aber wir haben uns immer gestritten. - 'Worüber haben Sie gestritten?' - Natürlich nicht über Politik. - 'Über was denn sonst?' - Über Kunst natürlich. Immer hatte er recht, nur einmal hat er tatsächlich - vielleicht aus Versehen - gesagt: 'Das stimmt!'. Da sagt der Kissinger: 'Das hat er nie zu mir gesagt!'"

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"Begegnungen. Porträts und ihre Geschichten" von Ingrid von Kruse erscheint im Osburg Verlag.

Die Anekdote zeigt nicht nur das gewinnende Wesen der Fotografin und Autorin, es zeigt auch ihr Konzept: Am Anfang steht das Interesse an Werk und Person, dann die Lektüre, dann ein handgeschriebener, gewissenhafter, langer Brief, dann ein Weg zum Wohn- oder Wirkungsort der Porträtierten, dann die Begegnung und schließlich die niedergeschriebene Erinnerung.

"Aber das Beste ist, ich kenne das Gesicht nicht!", sagt Ingrid von Kruse. Die Porträtierten merken rasch, dass sich ihre Besucherin gründlich vorbereitet hat und Fragen stellt, die nur aus der intensiven Beschäftigung mit dem Werk hervorgehen können. Und dann sagt sie etwas Überraschendes: "Ich scheine in der Beziehung glaubwürdig zu sein, weil ich bei so einem Gespräch auch nicht von einem Punkt zum andern springe, sondern zuhören und auch wirklich was erfahren will. Die Kamera ist für mich letzten Endes eigentlich eine störende Geschichte."

Die Fotografie ist ein Vehikel der Begegnung

Ingrid von Kruse kann sich hinter ihrer Großbildkamera nicht verstecken. Das erlaubt gleichberechtigte Verhältnisse auf beiden Seiten, erklärt sie: So bin ich ausgeliefert wie der andere, sagt sie. Zu den kürzesten Begegnungen gehört das Treffen mit dem Begründer der strukturalen Anthropologie Claude Lévi-Strauss. Schweigsam sitzt er da wie ein Adler mit tiefen Furchen im Gesicht, lauernd und still. "Ich habe ihn nicht lachen sehen", erzählt sie. "Ich weiß, gar nicht, ob er das konnte. Dieses Gesicht ist einfach fast wie eine Statue."

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2015 erschien mit dem Buch "Charakterbilder. Begegnungen unter fünf Augen" eine Auswahl an Geschichten hinter den Porträts von Ingrid von Kruse.

Wer ein in jeder Hinsicht ästhetisches Geschenk sucht, an das sich garantiert Gespräche anknüpfen, ist mit dem schön gemachten Buch bestens bedient.

"Eigentlich ist die Vorarbeit und die Begegnung auf literarischem Wege oder auf anderen Wegen für mich das Wichtigste", sagt Ingrid von Kruse. "Ohne diese Frage der Fotografie wüsste ich nicht, weshalb ich mich ihnen nähern sollte. Ich brauche eben dieses Instrument, was eigentlich nur eine Krücke ist, um zu sagen: Ich habe das und das vor. Wären Sie bereit, dass es zu einer Begegnung kommt? Alles andere ist für mich viel wichtiger. Alles andere, wirklich. Auch das Fotografieren ist nicht so wichtig wie das Gespräch."

Ingrid von Kruse © Ingrid von Kruse

Ingrid von Kruses "Begegnungen"

NDR Kultur - Journal -

Die Hamburger Fotografin Ingrid von Kruse hat viele Berühmtheiten porträtiert. Ihre literarischen Erinnerungen an diese Begegnungen handeln vom Schöpfergeist und Glück des Gesprächs.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.10.2019 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Ingrid-von-Kruses-Begegnungen,begegnungen122.html

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