Stand: 26.06.2020 12:26 Uhr

Ingo Schulze liest in Hamburg

von Jens Büchsenmann

Langsam geht es wieder los mit der Kultur - auch in Norddeutschland. Nun in hat in Hamburg die wegen Corona dreimal verschobene Lesung mit Ingo Schulze endlich stattgefunden. Im Literaturhaus hat der vielfach preisgekrönte Dresdner Autor aus seinem neuesten Roman "Die rechtschaffenen Mörder" gelesen.

Abstandsregelungen wie überall, Selbstbedienung am Tresen, wenige Tische, die mit höchstens zwei Personen besetzt waren. Der Autor kommt mit Mund- und Nasenschutz ans Pult, blickt in vielleicht dreißig Gesichter. Aber Ingo Schulze packt sein Publikum, wie immer. Ingo Schulze erzählt von einem Antiquar in Dresden, Norbert Paulini heißt er, ein Hüter der Literatur und großer Geheimnisse. Der Autor beschreibt ihn als jemanden, der vom Geruch und Befühlen des Papiers lebt, und Ingo Schulz tut das in einer bewusst altmodischen Sprache. "Ein jeder durfte die Bücher mit nach Hause nehmen, nachdem der Betrag auf einem Zettel notiert war", liest Schulze.

Anschreiben also dürfen die Leser beim Buchhändler Paulini, und manchmal vergisst er die Zettel einfach. Dieses romantische Bild vom Büchernarren, der auf seinen Büchern tatsächlich schläft und der seine Kundschaft beglücken will, zerstört Ingo Schulze aber sehr bald. Denn dieser so belesene, kluge Paulini scheint sich zu verwandeln, sein Weltbild wankt als die Mauer fällt. Das Publikum ist beeindruckt.

Ingo Schulze © picture alliance/Soeren Stache/dpa Foto: Soeren Stache
Der in Dresden geborene Autor Ingo Schulze studierte klassische Philologie in Jena und arbeitete anschließend als Dramaturg und Zeitungsredakteur.
Differenzierter Blick auf Ostdeutschland

Der Antiquar Paulini hadert mit den neuen Abgrenzungen. Rechts oder links, wahr oder unwahr. Man denkt an Pegida und AfD, aber so einfach will uns der Autor nicht entlassen, betont immer wieder eine differenziertere Sicht auf ein Land, das er vor den Vereinfachungen westlich geprägter Leser beschützen will, indem er hinreißend erzählt, aber aus dreierlei Perspektiven, was für viele eine Herausforderung darstellt.

Vom Publikum lernen

Ingo Schulze traf in Hamburg, nach so langer coronabedingter Abstinenz, auf Fans, die seine Romane gerade deswegen schätzen. "Ich habe es noch nie so genossen wie heute. Ich konnte ihm lange zuhören und verstehe, warum er so gern auf Lesereise geht", schwärmt ein Zuhörer.

Genau das wollte man wissen, hinterher, beim Signieren der Bücher - wie sehr ihm sein Publikum gefehlt hat. "Das hat einem ja wehgetan. Man lernt vom Publikum. Das fehlt bis heute. Das Buch ist noch gar nicht vollständig ohne die Fragen, an die man nie gedacht hat. Es müssen noch mehr Lesungen und deren Publikum und deren Fragen kommen", meint Schulze.

Roman unter den Bestsellern

Schon bei der Begrüßung hatte Ingo Schulze sich bei Rainer Moritz bedankt, dem Leiter des Literaturhauses Hamburg, für das Angebot von Ausfallhonorar für die abgesagten Lesungen - das er aber nicht angenommen hat. Schließlich ist sein Roman wieder unter den Bestsellern. Aber der Gewinn liegt vor allem bei den Zuhörern und Besuchern dieser begehrten, exklusiven ersten Lesungen: "Die Menschen sind sehr froh dass sie hierher dürfen. Normalerweise haben wir Gedränge und Geschubse, aber jetzt gehen alle sehr vorsichtig um mit den Hygienevorschriften. Aber es sind ausgesprochen konzentrierte Abende, was die Autoren wieder schätzen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 26.06.2020 | 08:00 Uhr

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