Imbolo Mbue: "Wie schön wir waren" © Kiepenheuer & Witsch

"Wie schön wir waren" - Klagelied aus Afrika von Imbolo Mbue

Stand: 12.10.2021 11:18 Uhr

In Imbolo Mbues neuem Roman geht es um ein afrikanisches Dorf, das unter einem US-amerikanischen Ölkonzern leidet und mit eisernem Willen um das eigene Stück Land und die Gesundheit der Bewohner kämpft.

Imbolo Mbue: "Wie schön wir waren" © Kiepenheuer & Witsch
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von Marie Schoeß

Diese Geschichte kennt keine Gewinner. Nicht die Familien aus dem Dorf Kosawa, nicht die Regierung des Landstrichs, die sich mit einer Ölgesellschaft gemein gemacht hat, die Land und Leute vergiftet. Auch die Vertreter der Ölgesellschaft schwingen sich in diesem Roman nicht zu bösen Siegern auf. Imbolo Mbue macht sich und uns nämlich nichts vor: Die kleinen Leute gewinnen nicht, nur weil sie den Glauben nicht aufgeben.

Eine Geschichte ohne Gewinner

Aber diejenigen in Regierungen und Konzernen, die im Überfluss leben, sind deshalb auch nicht einfach glücklich: Auch ihre Familien sterben, wenn das Land vergiftet ist, auch sie übersehen nicht einfach, dass sie in einem Krieg leben und nur deshalb besser dran sind, weil andere Kinder - ohne Medizin, ohne reines Trinkwasser - noch ein bisschen früher sterben.

Imbolo Mbue erzählt also von Gier und Gewalt, von Kämpfern und Kriegern, aber im Grunde ist dieses Buch ein langes Klagelied, das die Graustufen des Lebens erkundet. Ein Klagelied, weitergetragen von Generation zu Generation:

Wir atmeten ein, warteten, atmeten aus. Wir dachten an jene, die an Krankheiten gestorben waren, für die es weder Namen noch Heilmittel gab - unsere Geschwister und Cousins und Freunde, die an dem Gift im Wasser und dem Gift in der Luft und an dem vergifteten Gemüse und Obst aus der Erde umgekommen waren, jener Erde, die an dem Tag, an dem Pexton mit dem Bohren begann, vergiftet worden war. Wir hofften, die Männer würden uns in die Augen schauen und etwas für uns empfinden. Wir waren Kinder, genau wie ihre Kinder, und wir wollten, dass sie das erkannten. Leseprobe

Viele Personen erzählen von Leid, Gier und Gewalt

Ein ums andere Mal wechselt die Erzählstimme in diesem Roman: Mütter und Väter aus dem Dorf beginnen ihre Geschichte und werden im Laufe der Zeit zu Großeltern. Kinder erzählen zuerst als Kollektiv und werden schließlich erwachsen, Persönlichkeiten, die für sich allein sprechen und uneins sind, wie der politische Kampf zu gewinnen ist.

Alle Geschichten aber teilen denselben Ausgangspunkt: das Leid, das mit der Ölfirma ins Dorf gekommen ist und nach und nach spürbarer wurde: Erst hörte man den trockenen Husten, sah Kinder mit Fieber, mit Hautausschlägen, dann starb ein Kind nach dem anderen. Mit den Jahren wurde noch etwas klar: Dieses Dorf ist nur eines von vielen.

Glaubt ihr denn, nur ihr leidet? Im ganzen Land leiden Dörfer oder Städte aus dem einen oder anderen Grund. Ihr habt kein sauberes Wasser. In dem Dorf da drüber werden die Töchter von Soldaten vergewaltigt. In einem anderen Dorf hat ein anderer Konzern alle Bäume gefällt; die Erde dort spült es weg. Woanders hat man vielleicht Edelsteine unter dem Land gefunden und Soldaten mit einem Regierungserlass geschickt, die das Gebiet sichern sollten und dabei Menschen getötet haben, weil … Brauchen sie einen Grund? Leseprobe

Menschen voller Traurigkeit und Kampfgeist

Das klingt nach einer umfassenden Kapitalismus- und Kolonialismuskritik. Hier und da kippt der Roman auch etwas zu sehr ins Allgemeine, verliert sich in kollektiven Erfahrungen. Stark aber wird er an vielen anderen Stellen: Wenn sich Imbolo Mbue ganz aufs individuelle Leben verlässt und wir in ihren Figuren glaubwürdige Charaktere erkennen.

Da ist die Witwe zum Beispiel, die sich nach ein paar Stunden Sinnlichkeit sehnt, nach kurzen Fluchten aus dem Leben allein. Oder das junge Mädchen, Thula, das immer mehr zur Anführerin der Jugend wird, das liest, weil sie denkt, nur mit Bildung könne sie die gebildeten Amerikaner schlagen, und dann feststellt, dass es so leicht auch wieder nicht ist.

Diese Figuren in ihrer Traurigkeit und ihrem politischen Kampfgeist zu begleiten, zu bemerken, wie sie ein Eigenleben entwickeln und keine politischen Sprechpuppen werden: Darin liegt der Reiz dieses Romans.

Wie schön wir waren

von Imbolo Mbue, übersetzt von Maria Hummitzsch
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05470-5
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.10.2021 | 12:40 Uhr

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