Stand: 14.11.2019 06:00 Uhr

Die unheimliche Welt unter der Erde

Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde
von Robert Macfarlane. Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Es sind unbekannte, geheimnisvolle Welten, in die Robert Macfarlane seine Leserinnen und Leser mitnimmt.

Das Buch "Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde" des britischen Schriftstellers Robert Macfarlane hat bereits einige Preise gewonnen. Der "Guardian" wählte es unter die besten 100 Bücher des 21. Jahrhunderts. Nun hat Macfarlane für "Im Unterland" auch den diesjährigen NDR Kultur Sachbuchpreis erhalten.

Die Unterwelt ist seit Jahrtausenden ein unheimlicher Ort. Es ist das Reich der Toten. Lebende, so erzählen es Ovid, Vergil und Dante, hätten dort nichts verloren. Und auch heute ist die Reise in die Welt unter unseren Füßen oft noch immer mit Ängsten und Ablehnung verbunden, schreibt Robert Macfarlane:

"Warum in die Tiefe steigen? Eine solche Bewegung geht gegen den Strich, gegen die Vernunft und den Willen. Wer bewusst etwas im Unterland lagert, will es fast immer dem Blick der anderen entziehen. Weil sie so schwer zugänglich ist, war die Unterwelt lange Zeit ein Symbol für alles, was nicht offen gesagt oder gesehen werden darf. [...] Angst und Ekel sind die üblichen Reaktionen auf eine solche Umgebung; Dreck, Vergänglichkeit und brutal harte Arbeit das, was man am häufigsten damit verbindet." Leseprobe

Geheimnisvolle Welten

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Diese Angst hat Auswirkungen: Während nach oben hin, über den Wolken, die Freiheit grenzenlos ist, wir nach den Sternen greifen und Missionen zu fernen Planeten planen, wissen wir über das, was nur wenige Kilometer unter uns liegt, noch immer sehr wenig. Es sind diese unbekannten, geheimnisvollen Welten, in die Robert Macfarlane seine Leserinnen und Leser mitnimmt. In Höhlen, in denen 10.000 Jahre alte Skelette lagern, an Flüsse, die 300 Meter unter der Erde liegen, zu Wissenschaftlern, die kilometertief unter dem Meer nach dem Ursprung des Universums suchen.

Nur wenig ist bekannt von diesen Welten. Und der Weg dahin oft klaustrophobisch eng - ein Gefühl, das Macfarlane so plastisch beschreibt, das es sich beim Lesen überträgt:

"Flach hingestreckt, Rucksack am Fuß, Kopf voran hinein. Die Decke ist so niedrig, dass ich den Schädel erneut seitwärts drehen muss. Der Platz an den Seiten so knapp, dass mir die Arme fast am Körper festkleben. Der Stein der Decke ist in Blöcke zerbrochen und hat sich an den Rissen abgesenkt. Klaustrophobie presst mir wie ein Ganzkörperschraubstock Brust und Lunge zusammen, quetscht den Atem, lässt schwarze Sterne in meinem Kopf explodieren." Leseprobe

Die Angst vor dem Unterland hat sich daher auch in unserer Sprache niedergeschlagen. Wir wollen lieber hoch hinaus, anstatt tief zu fallen. Wer abhebt, wird fliegen, wenn wir dagegen untergehen, ist es um uns geschehen. Dabei muss man gar nicht sehr tief graben: Schon wenige Zentimeter unter dem Waldboden liegen Welten, die unser Verständnis von Leben ins Wanken bringen. So entdeckte die Forstökologin Suzanne Simard ein Netzwerk aus Pilzen, das über Kilometer hinweg alle Bäume eines Waldes miteinander verbindet.

Eine Spalte im Eis.

Robert Macfarlanes Sachbuch "Im Unterland"

Bücherjournal -

Robert Macfarlane hat Orte gesehen, die den meisten Menschen verborgen bleiben, wie unterirdische Begräbnisstätten. "Im Unterland" ist ein ebenso poetischer wie ergreifender Bericht.

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Sprachlos bestaunt man diese Wunder, die Macfarlane aufzeigt. Und wenn er nach Abschluss seiner Tiefenexpeditionen wieder ans Licht zurückkehrt, wirkt die Natur, die er beschreibt, umso schöner und zerbrechlicher. Erschütternd ist es dann zu lesen, wie der Mensch auch in die Tiefen unseres Planeten eingreift. Zum Schluss seines Buches besucht Macfarlane ein Atommüllendlager in Finnland. Was hier gelagert wird, wird noch in hunderttausend Jahren zu finden sein. Macfarlanes Ausblick darauf, was wir den Archäologen kommender Generationen - oder kommender fremder Lebensformen - hinterlassen werden, ist vernichtend:

"Zu den Überresten des Anthropozäns werden der Atomstaub unseres Atomzeitalters gehören, die zerstörten Fundamente unserer Städte, die Wirbelsäulen von Millionen Huftieren aus Massenhaltung sowie die undeutlichen Umrisse einiger Milliarden Plastikflaschen." Leseprobe

Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde

von
Seitenzahl:
560 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Penguin Verlag
Bestellnummer:
ISBN 978-3-328-60113-5
Preis:
24,00 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.11.2019 | 19:00 Uhr

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