Stand: 12.08.2019 14:39 Uhr

Marlene Dietrich und "Der blaue Engel"

Im Licht der Zeit
von Edgar Rai
Vorgestellt von Susanne Birkner
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Edgar Rai neues Buch "Im Licht der Zeit" schwankt zwischen Fiktion und Realität.

Ob in Comics, Krimis oder der Fernsehserie Babylon Berlin - das Jahr 1929 ist bei Künstlern gerade sehr beliebt. Auch der in Berlin lebende Autor Edgar Rai begibt sich auf die Zeitreise. In seinem neuen Roman "Im Licht der Zeit" erzählt er von Marlene Dietrich und der Entstehung des Films "Der blaue Engel".

"Glücklicherweise hatte ich zu Beginn meiner Recherchen gar keine Ahnung, welches Interesse auf diese Zeit gelenkt werden würde, sonst hätte ich den Stoff gar nicht angepackt", sagt Edgar Rai. Aber er war von der Entstehungsgeschichte des Films "Der blaue Engel" schon so begeistert, dass es kein Zurück mehr gab als "Babylon Berlin" anlief und ein Buch nach dem anderen über das Ende der Weimarer Republik erschien.

Marlene Dietrich - Sex-Appeal in den verklemmten 30er-Jahren

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Professor Rath (Emil Jannings) verfällt in der "Der blaue Engel" Lola-Lolas (Marlene Dietrich) laszivem Charme.

Edgar Rai erzählt, wie Produzent Erich Pommer und Mit-Drehbuchautor Karl Vollmöller diesen ersten internationalen deutschen Tonfilm durchboxen. Den großen erzkonservativen Ufa-Boss Hugenberg dabei austricksen, der den lasziven Szenen der Nachtclubsängerin Lola-Lola, die Professor Rath um den Verstand bringt, nie zugestimmt hätte. "Da hängt so viel dran an dieser Geschichte", sagt der Autor. "Mal abgesehen davon, dass dieser Film und die Entstehung dieses Films das Leben aller Beteiligten einschneidend verändert hat. Der Film selbst ist ja auch schon ein Irrsinnsding."

"Im Licht der Zeit" erzählt davon, wie sich Hauptdarsteller Emil Jannings, der frischgebackene erste Oscar-Preisträger, in seiner Garderobe mit einer Peitsche selbstgeißelt und so eifersüchtig ist auf Marlene Dietrich, die vom Regisseur vergöttert wird, dass er sie in einer Schlüsselszene nicht nur für die Leinwand würgt. "Es ist tatsächlich so, dass man die Würgemale für die letzten Aufnahmen überschminken musste", sagt der Autor.

Marlene Dietrich: It-Girl aus einem anderen Jahrhundert

Marlene Dietrich ist als Mutter hilflos, aber im Verführen grandios. Sie ist der flirrende Mittelpunkt der Berliner Künstlerszene, das Revue-Girl, das Kameramänner unfilmbar finden. "Der blaue Engel" wird ihr Durchbruch als Schauspielerin. Edgar Rai hat sich durch die Quellen gearbeitet und man spürt seine Zuneigung zu seiner Protagonistin in jeder Szene.

"'Wie steht es mit Ihnen?' wiederholte (Erich) Kästner seine Frage. 'Sie waren zu Probeaufnahmen eingeladen, wie man hört.' 'Da haben Sie ganz recht gehört', antwortete Marlene lachend. 'Allerdings hatte es doch sehr den Anschein, als hätte man lieber nur meine Beine gefilmt, ohne den Rest. Die konnte ich aber schlecht alleine schicken.' Sie streckte ein Bein aus und führte es langsam über den Kopf. Ein Schauspiel, das sich niemand in der Loge entgehen ließ." Leseprobe

"Ich habe versucht, ihr Wesen zu erspüren", schildert Rai. "Ich hoffe, dass ich ihr emotional nah kommen konnte und dass das auch rüberkommt."

Im Licht der Zeit: Biografisch oder fiktiv?

Seine Marlene ist schon als Teenager so selbstbewusst, dass er sie im Buch die berühmte Stummfilm-Schauspielerin Henny Porten verführen lässt. "Die Sexszene ist nicht überliefert", gibt Rai zu. "Was überliefert ist, und das ist ziemlich zweifelsfrei, Marlene Dietrich war als Jugendliche, fast noch Kind, Henny Portens allergrößter Fan. Sie soll ein Medaillon gehabt haben, in dem ihr Foto drin war, und dutzende Autogrammkarten. Sie hat sie sogar im Urlaub in Holland gestalkt, wie man es heute ausdrücken würde", sagt Rai.

Und das ist das Problem: Große Teile des Buches stimmen, vieles aber auch eben nicht. Edgar Rai bemüht sich einerseits, auch mit voran gestellten Zeitungsausschnitten, um größtmögliche Authentizität, nimmt sich aber einiges an dichterischer Freiheit raus. Man fragt sich beim Lesen permanent: war das jetzt wirklich so? Gerade weil der Roman so fesselt und toll zu lesen ist. Vielleicht hätte, wenn nicht Fußnoten, aber doch ein Offenlegen der Quellen am Ende, einiges dazu beigetragen, dass man sich noch wohler fühlt mit dieser Geschichte.

Im Licht der Zeit

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05886-5
Preis:
22,00 €

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NDR Info | Neue Bücher | 13.08.2019 | 10:55 Uhr