Ian McEwan: "Erkenntnis und Schönheit" © Diogenes Verlag

Ian McEwan: "Erkenntnis und Schönheit"

Stand: 10.01.2021 12:40 Uhr

Der britische Schriftsteller Ian McEwan ist ein brillanter Romancier. Sein neuestes Werk ist allerdings ein Essayband: "Erkenntnis und Schönheit".

von Ulrich Kühn

Das Heranwachsen, die Liebe, der Sex sind mit großer Meisterschaft von ihm behandelte Themen. Der eine Moment, der das Leben verändert - kaum einer nutzt ihn so virtuos für die Kunst des Romans wie Ian McEwan. In letzter Zeit kamen vermehrt Themen von großer gesellschaftlicher Bedeutung hinzu. Zum Beispiel die beklemmenden Potenziale Künstlicher Intelligenz im Roman "Maschinen wie ich".

"Erkenntnis und Schönheit": Wissenschaft und Literatur korrespondieren

Dabei ist Ian McEwan fasziniert von der Wissenschaft und ihren Erfolgen. Viele seiner Romane sind so elegant gebaut, dass schon die Konstruktion das Lesen zum Fest macht. Der kühle Scharfsinn bürgt dafür, dass emotionale Extremsituationen umso klarer zum Vorschein kommen. Manchmal hat man fast den Eindruck, der Autor habe Spaß daran, den Menschen unters Mikroskop des Romans zu legen, um wissenschaftlich zu demonstrieren: Seht nur her, so ist er eben.

In "Erkenntnis und Schönheit" geht es genau darum, wie Wissenschaft und Literatur korrespondieren, um Mensch und Menschsein auf die Schliche zu kommen. Besonders hat es McEwan sein Landsmann Charles Darwin angetan, vor allem dessen "unwissenschaftlich" verfasstes Buch "Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren".

Universelle Regungen und Gemütsbewegungen

Darwin schrieb Menschen in abgelegenen Gegenden des britischen Weltreiches Briefe und bat sie, die Mimik der indigenen Bevölkerung zu beobachten. In England zeigte er Fotografien unterschiedlicher Gesichtsausdrücke herum und bat um einen Kommentar. Gefühlsausdrücke sind das Ergebnis von Evolution, schloss Darwin, folglich universell.

Das ist der Clou, von hier aus zieht McEwan immer wieder seine Linien zur Literatur: Es gibt universelle Regungen und Gemütsbewegungen, die über Kulturen und Jahrtausende hinweg verständlich sind. Andernfalls stünden wir vor Erzählungen aus anderen Zeiten und Regionen wie Analphabeten.

Als unterhaltsamer Beweis dient dem Autor, der sein imponierendes literarisches und naturwissenschaftliches Wissen clever im Plauderton ausstreut, eine Szene aus Homers "Odyssee": Der nach langer Irrfahrt heimgekehrte Odysseus wird von der misstrauischen Gattin erst mal schlau getestet, ob er auch wirklich der ist, als der er sich zu erkennen gibt.

"So widerlegt er alle Zweifel und beweist, dass er tatsächlich ihr Gatte ist, allerdings ärgert er sich seinerseits nun darüber, dass sie ihn für einen Betrüger hielt, und schon droht ein Ehekrach. Die Gepflogenheiten mögen sich ändern - tote Freier liegen im Saal, ohne dass eine Mordanklage droht -, doch erkennen wir das Menschliche in diesen Zeilen." Leseprobe

Ian McEwan thematisiert Individualität in der Literatur

Ist also Literatur immer schon in derselben Weise da? Ist das Ästhetische, im Unterschied zur Wissenschaft mit ihrem Zwang zur Selbstkorrektur, erhaben über Zeit, Umwelt, Mode? Natürlich nicht. McEwan findet den Gedanken absurd, es habe so etwas gegeben wie die "Erfindung" der Individualität. Aber er weiß genau: In alten Texten taucht das individuelle Bewusstsein eher in Spurenelementen auf, in neuen als wesentlicher Gegenstand menschlicher Selbstbeschäftigung und Kunst.

Das wird im gedanklich brillanten Kernstück des Bands - dem einzigen dieser fünf Texte, der noch nirgends veröffentlicht war - facettenreich vorgeführt. Der Essay heißt "Das Ich" und wirft beiläufig das Problem der Übertragung kniffliger Begriffe auf: Über dem Original steht "The Self", und Übersetzer Bernhard Robben sieht sich genötigt, die Entscheidung fürs deutsche "Ich" per Fußnote zu begründen. Es macht Spaß, mit McEwan in inneren Austausch über seine Ansichten und Argumente zu treten, man genießt die souveräne Selbstironie gegenüber dem eigenen Berufsstand und dessen selbstverklärenden Klischees.

Natürlich behagt Schriftstellern das angeborene, universelle Konstrukt eines selbstverfassten Ichs. Bei Literaturfestivals hört man uns auf Podien routiniert versichern, dass wir, wir alle, zuvorderst Geschichten erzählende Geschöpfe sind, dass wir uns selbst ins Leben schreiben und dass wir ohne diese Ich-Geschichten eine Art mentalen Tod erleben würden. Leseprobe

Warum er sich diesem Brauch höchstens halbherzig anschließen kann - das wird so clever wie unterhaltsam begründet. Auch des Autors Skepsis gegenüber den Ansprüchen der Religion wurzelt in dieser Bereitschaft zu kühl-empathischen Distanz. Die Schönheit einer Gleichung Einsteins liebt McEwan wie die Schönheit der Sprache: Beide stiften Erkenntnis. Wie dieses schöne Büchlein.

Erkenntnis und Schönheit

von Ian McEwan, aus dem Englischen von Bernhard Robben und Hainer Kober
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07126-9
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.01.2021 | 12:40 Uhr

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