Stand: 21.07.2016 17:40 Uhr

Sehnsuchtsorte in den Alpen

von Juliane Bergmann

So sehr wir vielleicht auch das Leben in der Zivilisation zu schätzen wissen, manchmal ist die Idee auszubrechen auch sehr reizvoll - in die Abgelegenheit und Einsamkeit. Zum Beispiel beim Wandern. Der neue Bildband "Hütten" zeigt die Schönheit der Wandererunterkünfte in den Alpen.

Leben in und mit der Natur

Ein Steinplateau in den italienischen Alpen. Raue Felsen, in verwaschenem Grau, dazwischen kleine Moos-Tupfer. In den wolkenreichen Himmel schiebt sich Gestein zu einem mächtigen Gipfel. An dessen Fuß eine holzvertäfelte Hütte.

Die Büllelejochhütte - um sie zu erreichen, müssen Wanderer mehr als tausend Höhenmeter zurücklegen; über Bachläufe und Geröllfelder, durch Wald und karge Einöde. 13 Schlafplätze gibt es. Steffie Rogger und ihre Familie arbeiten seit fast 40 Jahren auf der Hütte: "Du lebst wie auf einer Insel", sagt Steffie. "Das Zeitgefühl geht dir verloren - weil die Tage ineinander übergehen. Du stehst mit der Sonne auf und gehst ins Bett, wenn es dunkel wird."

Gute Tipps für Bergwanderer

Bernd Ritschel ist leidenschaftlicher Kletterer. Für den Bildband hat er 50 besondere Hütten in den Alpen fotografiert. Texte begleiten die Bilder, geschrieben von dem Reise-Journalisten Tom Dauer: Porträts der Wirte, Gespräche mit Gästen oder Reportagen über Wanderungen.

Die einzelnen Kapitel legen den Fokus mal auf Deutschland, mal auf Österreich, Italien oder die Schweiz. Ein kleiner Info-Kasten fasst zu jeder Hütte das Wichtigste zusammen: Wegbeschreibungen, Schlafmöglichkeiten und Kontaktdaten. Im Mittelpunkt stehen jedoch die großformatigen, oftmals doppelseitigen Aufnahmen. Gigantische Landschaft, Weite - und darin die kleinen Zufluchten, manchmal kaum sichtbar.

Eindrucksvolle Panoramen

Die Stubaier Alpen im Pink der Abenddämmerung. Mächtige Berge, in deren Mitte schlängelt sich dichter Nebel hindurch, bahnt sich einen Weg. Da, wo Horizont zu erahnen ist, fließt er in ein Meer aus Wolken. Auf einem Gipfel thront das Brunnenkogelhaus, umzingelt von steilen Schluchten. Geradezu unwirklich und unerreichbar.

Die Fotografien zeigen auf malerische Weise, wie viel Schönes in den Bergen zu finden ist. Sie sind aber nicht nur fürs Auge reizvoll, sondern lassen auch immer wieder die Gedanken kreisen: Wie beschwerlich ist der Weg dorthin? Wer baut so etwas? Wie lebt es sich dort? Es sind Fragen wie diese, die der Bildband weckt. Einige beantwortet er - andere nicht.

Ein Mann sitzt - dick eingepackt in Jacke und Mütze - an einem Tisch, schenkt sich aus einer Thermoskanne Tee ein. Dampf steigt auf, legt einen Schleier über sein Gesicht. Eine Kerze brennt, färbt das Bild orange. Teller, ein Taschenmesser, Kräuterbonbons, offene Plastiktüten liegen auf dem Tisch. Momente wie diesen in einem österreichischen Biwak fängt Bernd Ritschel ebenfalls ein. Sie zeigen die Menschen, die in den Hütten Rast machen, leben, arbeiten. Der Fotograf gibt Wanderern ein Gesicht, zeigt, wer diese Sehnsuchtsorte kreiert oder sucht.

"Was zählt, sind die Stunden, Minuten, Sekunden"

Magische Orte, der Weg dorthin holprig, er verlangt vollen Körpereinsatz. Lebensmüde oder abenteuerverliebt. Oder beides. Ritschel gelingt es, diese Faszination einzufangen und nachvollziehbar zu machen. Wenn er auch immer wieder zu dem Schluss kommt, in Worte fassen lässt sie sich nicht. So zitiert der Bildband schließlich den Bergsteiger Reinhard Karl: "Es ist egal, welchen Berg man besteigt, oben wird man immer weiter sehen. Was man da oben sucht, ich weiß es nicht. Eigentlich ist der Berg nur ein nominelles Ziel. Was zählt, sind die Stunden, Minuten, Sekunden, wie man sie verbringt."

Hütten

von Tom  Dauer (Texte), Bernd Ritschel (Fotos)
Seitenzahl:
220 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
National Geographic
Bestellnummer:
978-3-86690-461-3
Preis:
39,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 24.07.2016 | 17:40 Uhr

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