Frau mit roter Winterjacke sitzt an der Alster und liest © IMAGO / Ralph Peters Foto: Ralph Peters

Historische Sagas: Lesefutter von der Alster zum Eintauchen

Stand: 01.04.2021 16:45 Uhr

Historische Hamburg-Sagas liegen voll im Trend. Mit ihnen kann man sich auf die Spurensuche in einem Hamburg machen, das es so nicht mehr gibt.

von Peter Helling

Sie sind Schaufenster in eine vergangene Zeit: "Die Villa an der Elbchaussee", "Große Elbstraße 7", die "Jahrhundert Trilogie" von Carmen Korn. Claudia Louwien ist Fan und Buchhändlerin im Buchhaus ABC an der Hoheluftchaussee: "Was ich ganz großartig fand und selber auch mit großem Vergnügen gelesen hab, das sind drei Bände. Die Geschichte setzt ein 1919, direkt nach Ende des Ersten Weltkrieges und da merkt man eben, dass Frau Korn seit 40 Jahren auf der Uhlenhorst lebt und sie intensiv recherchiert hat für diese drei Bände. Es ist wirklich ein sehr gutes Bild der jeweiligen Zeit."

All diese Romane arbeiten mit dem Vertrauten. Buch-gewordenes Kaminfeuer sozusagen. Fenja Lüders "Der Duft der weiten Welt" riecht nach Kaffeebohnen: "Wie man sich schon vorstellen kann bei 'Duft' im Titel. Es geht tatsächlich um den Kaffeehandel und ein Kaffeekontor in der Speicherstadt. Auch so ein schöner Schmöker, der einfach Vergnügen macht, in den man sich rein versenken kann."

Historische Sagas: Ein bisschen Sachbuch mit viel Fiktion

Die Buchempfehlungen in der Übersicht

"Die Frauen vom Jungfernstieg“
Autorin: Lena Johannson
Verlag: Aufbau Taschenbuch-Verlag
Preis:12,99 €

Vier Frauen. Ein Jahrhundert. - Trilogie
Autorin: Carmen Korns
Verlag: Rowohlt
Preis: 12 €

"Der Duft der weiten Welt"
Autorin: Fenja Lüders
Verlag: Lübbe
Preis: 14,90 €

Und in "Die Frauen  vom Jungfernstieg" von Lena Johannson geht es um die Entstehung des Konzerns Beyersdorf. Sinnlich, packend, Ziegelstein-Dick. Historische Hamburg-Sagas liegen im Trend, sagt die Buchhändlerin: "Das ist ganz eindeutig so, halt wirklich dieses Phänomen: Hamburg, historisch, Herzschmerz, Liebe, Lokalkolorit."

Oft spielen die Romane in einer gar nicht so fernen Zeit, etwa in den Jahrzehnten zwischen 1860 und dem Zweiten Weltkrieg. Hier legten Frauen sprichwörtlich ihr Korsett ab, kämpften für ihre Rechte, erzählt Iris Homann, sie ist Lektorin bei Rowohlt: "Eigentlich weiß man es ja, diese Korsetts waren unbequem. Eigentlich weiß man: Frauen fuhren nicht Fahrrad, aber was das wirklich mit den Frauen gemacht hat, wie ungesund diese Korsetts wirklich waren, da ist man dann doch erstaunt, wenn man das dann so detailliert liest."

Jede Menge Stoff für historisch interessierte Leute

Die Buchcover sind oft zum Verwechseln ähnlich. Das ist kein Zufall. Eine schlanke junge Frau, meist von hinten gesehen, die in historischer Kleidung auf ein Hamburg von gestern blickt. Ganz in zartem Pastell. "Das richtet sich natürlich an alle historisch interessierten Leute, wir wissen natürlich, dass diese Bücher viel von Frauen gelesen werden, das Alter ist aber sicherlich breit gesteckt. Es sind ja auch viele junge Leserinnen, die sich dafür interessieren." Seit knapp fünf Jahren beobachtet Iris Homann diesen Trend: "Den sehe ich in dem Zusammenhang mit so einem Tourismus-Boom, der Hamburg auch seit einigen Jahren erfasst hat. Die Sagas konzentrieren sich sehr auf Hamburg, auf Berlin, auf Bayern, auf Nordsee- und Ostseeinseln, alles Gebiete, wo Leute gerne hinfahren, wo sie sich in Pandemiezeiten vielleicht gerne hin träumen möchten."

Historische Sagas: Fenster in eine andere Zeit

Tatsächlich, da lässt sich beim Lesen eine Zeitreise machen, da findet man dieselben Straßennamen, nur sah alles anders aus. Fast wird Hamburg in den Büchern "durchsichtig". Oder wussten Sie, dass zwischen Steinstraße und Binnenalster vor hundert Jahren einer der schlimmsten Slums Europas lag? Miriam Georgs Roman "Elbleuchten" erzählt davon:

"Der Verwesungsgestank aus den Fleeten mischte sich mit dem Qualm der unzähligen Schornsteine. Verwahrloste Kinder, die auf ihren durch Rachitis krumm gewordenen Beinen kaum richtig laufen konnten, rangelten um Stöcke und leere Konservendosen."

Historische Sagas sind Spiegel. Eine nicht allzu ferne Zeit macht unsere ein Stück weit beherrschbar.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 01.04.2021 | 19:00 Uhr

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