Stand: 06.12.2018 10:00 Uhr

Ein Leben in zwei Welten

Was dann nachher so schön fliegt
von Hilmar Klute
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Mit diesem Roman hat Autor Hilmar Klute seinen lange gehegten Traum realisiert.

Viele Menschen lesen sehr oft etwas von Hilmar Klute, sogar fast täglich - sie wissen es nur nicht: Der Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" ist, wie man hört, zur Zeit der fleißigste Autor des "Streiflichts", jener renommierten und immer anonymen Kolumne auf Seite 1, erste Spalte, der SZ. Vor dreieinhalb Jahren hat er außerdem mit einer sehr liebevollen Ringelnatz-Biografie auf sich aufmerksam gemacht. In diesem Herbst nun hat er das getan, was er seit langem schon wollte, unbändig wollte: seinen ersten Roman vorgelegt. Dieses unbändige Wollen teilt er mit seinem Protagonisten in "Was dann nachher so schön fliegt".

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Der Traum: Dichter werden, sich als "Schwerstarbeiter der Literatur" dem weihevollen Walten des Worts würdig erweisen.

Die Wirklichkeit: Als Zivi im Seniorenheim den wirren Alten beim sinnlosen Vergehen der Zeit irgendwie über die Runden helfen.

Ein Leben in zwei Welten, Gegenwelten. Die eine ist der Ruhrpott, die andere das grau verhangene Berlin drei Jahre vor dem Mauerfall. Hier schuftet Volker Winterberg; dort übt er, Künstler zu sein.

Der Autor sagt: "Er glaubt, wenn er schreibt, ist er so wie die anderen großen Leute, die er verehrt. Er hat natürlich keine Vorstellung vom Literaturbetrieb und wie sowas funktioniert; das ist ihm ja auch völlig egal. Es ist halt ein großer Traum, den er füttert, auch durch sein Alltagsleben. Er sagt ja immer: Alles, was ich erlebe, was ich so mache - auch im Altenheim -, das dient mir dann für meine poetische Kunst. Es ist alles sehr naiv, ein großer romantischer Traum, ich würde auch sagen: ein reiner Traum. Da steckt nicht der Wunsch nach Ruhm dahinter oder irgend so etwas leicht Beschmutztes, sondern es ist der naive Traum eines klugen Simplicissimus."

Zwei Geschichten sind miteinander verflochten

Hilmar Klute hat zwei Geschichten zu erzählen: die Geschichte des Zivildienstleistenden, der, in einem System gleichgültiger Routine, irgendwie versucht, den Alten "ein paar Girlanden des Wohlbehagens zu flechten", in der erbarmungslosen Mühle aber selbst kaputt zu gehen droht.

Es ging weiter, immer weiter wie durch ein Museum des Verfalls. Ich lernte Frau Dahl kennen, die kein einziges Körperteil bewegen und kein Wort artikulieren konnte, aber vollkommen klar im Kopf war. Sie wartete darauf, dass man ihr die einzige richtige Frage stellte, und auf dem Weg zu dieser Frage wehrte sie mit zornigem leichten Kopfwiegen die dummen und falschen Fragen nach Essen und Trinken ab. Weiter, weiter, schien sie zu sagen, nächste Frage, so dumm, so grausam konnte der ungelernteste Hilfspfleger nicht sein, dass er ihr die Frage vorenthielt: Möchten Sie sterben? Sie hätte vermutlich mit strahlenden Augen genickt, versucht, ein Ja mit den Lippen zu formen, ja ja, wenn Sie das einrichten können, gerne, am besten jetzt sofort. Leseprobe

Dann die Geschichte des hochfliegenden Dichtertalents, das von den Berliner Festspielen eingeladen wird zu einer Schreibwerkstatt für Jungautoren. Hier treffen sich die anderen - die jungen - Verrückten, die Verrückten, die noch Hoffnung haben und sich von der Gewissheit ihrer Bedeutung wie auch vom Wohlgefühl des nagenden Zweifels tragen lassen.

Respekt vor hochfliegenden Ambitionen

Aber auch ihre Verstiegenheiten, ihre poetischen Weltanverwandlungsambitionen, über die man manchmal laut lachen muss, beutet Hilmar Klute in keiner Weise aus: Das sind keine Pappkameraden, keine Zielscheiben billigen Spotts. Sie haben ja alle Recht in ihrer Liebe zum Wort, zu sich selbst, vor allem: zu den Großen, auf deren Schultern sie zu stehen hoffen. Volker träumt sich in Begegnungen mit Ror Wolf, Günter Grass, Uwe Johnson hinein und steht eines Tages vorm Haus des verstorbenen Dichters Ernst Meister in Hagen am Rande des Ruhrgebiets:

Seine Witwe würde mir also öffnen, und dann stünden wir in der Wohnung, in der sie mit dem Mann gelebt hatte, der den Satz vom Schmetterling schrieb, der auf Todes lockerer Wimper saß. Die Vorstellung gefiel mir: Du drückst eine Klingel und wirst in das Reich der Poesie eingelassen. In diesem Augenblick ging die Haustür auf und ein Mann mit einem Scotch Terrier kam heraus. "Woll'n se rein?", fragte er und hielt mir die Tür auf, während der Scotch Terrier stur an der Leine zog - der Hund wollte nach draußen, es drängte ihn, er hatte den ganzen Morgen im Haus verbracht und keine Lust mehr, den Rest des Tages auf Todes lockerer Wimper rumzuhocken. Leseprobe

Mit 30 verliert man seine Naivität

Diese Dringlichkeit, auf den Schwingen des Wortes in eine ungewisse, aber gute Zukunft zu fliegen, ist sehr ansteckend, auch wenn der Leser spürt, dass das so unbedingt wohl wirklich nur mit Anfang 20 geht - oder?

"Es ist tatsächlich ein Alter, in dem eben alles möglich ist, in dem man nicht verstellt ist durch Wissen oder Erfahrung vor allem", meint der Autor. "Also, man kann sozusagen mutig und fast bedenkenlos an seinen Traum herangehen, wenn man einen Traum hat wie mein Protagonist Volker Winterberg, Schriftsteller zu werden. Diese Naivität hat man ja schon mit 30 nicht mehr, weil man einfach weiß, was geschieht, was gespielt wird und welche Position man da bestenfalls einnehmen kann. Man beginnt dann schon abzuwägen. Diesen großen Wagemut hat man tatsächlich nur in diesem Alter - und vielleicht später noch, wenn man noch älter ist!"

Hilmar Klute ist knapp über 50 - und hat mit Wagemut, Verve und Witz ein wunderbares Buch geschrieben.

Was dann nachher so schön fliegt

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Galiani
Bestellnummer:
978-3-86971-178-2
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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