Stand: 08.06.2018 14:02 Uhr

Literatur zum Genießen auf Hiddensee

von Juliane Voigt
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Die Leseabende finden im Arbeitszimmer des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Kloster auf der Insel Hiddensee statt.

Auf der Insel Hiddensee hat die Sommerlesereihe im Gerhart-Hauptmann-Haus begonnen. Im Arbeitszimmer des berühmten Dramatikers wird in diesem Sommer ein illustrer Kreis von Literaten aus ihren Neuerscheinungen vorlesen. Den Anfang machte am Sonnabend der Schriftsteller Hans Pleschinski mit seinem neuesten Buch "Wiesenstein".

Das Haus auf der Insel Hiddensee war zu Lebzeiten nur das Sommerhaus des berühmten Dramatikers. Das Buch von Hans Pleschinski spielt dagegen in der "Villa Wiesenstein", wo Hauptmann im hohen Alter mit seiner Gattin und seinem Personal lebte.

"Wir müssen uns vorstellen, der alte Hauptmann sitzt mit seiner Frau und den engsten Hausangestellten in diesem Schloss in Schlesien. Ringsum geht die Welt unter und sie versuchen, ihr Leben weiterzuleben", schildert Franziska Plötz, die Leiterin des Gerhart-Hauptmann-Hauses. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, ist Hauptmann bereits 76 Jahre alt. Obwohl Pleschinski das Leben im Schloss detailliert schildert, wahrt er einen gewissen Abstand. "Ich hatte Angst, dass der Versuch zu stark ist, Hauptmann an uns ranzuholen, aber das macht er nicht. Das ist das Allererste, was ich an dem Buch ganz wichtig finde, er ist sehr taktvoll und diskret", begründet Plötz, warum sie den Autor eingeladen hat.

Ein Luxusleben im Kriegsgebiet

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Hans Pleschinski eröffnete die diesjährige Lesereihe.

Die "Villa Wiesenstein" ist eine prächtige Villa, mit Turm und Erkern und vergitterten Fenstern. Für damalige Verhältnisse war sie sehr luxuriös ausgestattet. "Es wurde 1910 schon ein Indoor-Pool gebaut und es gab eine Zentralheizung, die zentnerweise den Koks fraß", schildert Autor Hans Pleschinski. "Aber in erster Linie war es ein Kulturzentrum ersten Ranges in ganz Deutschland. Alle Berühmtheiten waren da. Trotz dieses Prunks lebte Gerhart Hauptmann sehr naturverbunden. Morgens ging er häufig nackt unterhalb der Schneekoppe Bogenschießen. Ein gigantisches Schriftstellerleben, von dem man heute nur träumen kann."

So exzentrisch sollte sein Leben auch enden. Die Hauptmanns lebten ihren luxuriösen Alltag weiter. Umgeben von kostbaren Möbeln, wertvollen Kunstwerken und Personal. Trotz anrückender Roter Armee herrschte Frackzwang am Hauptmannschen Essenstisch. "Dort waren Gauleiter zu Gast. Ein halbes Jahr später saßen russische Offiziere am Tisch. Ein halbes Jahr später wieder Kommunisten, die ihn zurück in die DDR holen wollten", schildert Pleschinski. Hauptmann ist bei Kriegsende bereits 83 Jahre alt. "Die Russen tasteten ihn nicht an. Und die Polen auch nicht. Er war zu berühmt, um erschossen zu werden, zu berühmt, um weggejagt zu werden. Man musste nur auf seinen Tod warten."

Gerhart Hauptmann starb schließlich im Juni 1946 in Schlesien. Eigentlich war es sein letzter Wille, dort beerdigt zu werden. Aber auf Druck der polnischen Regierung wurde seine Leiche nach Deutschland transportiert und schließlich auf Hiddensee begraben - immerhin mit einer Hand voll schlesischer Erde.

Der junge Hauptmann

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Uwe Timm beschäftigt sich in seinem Buch "Ikarien" mit dem deutschen Arzt Alfred Ploetz.

Während sich Pleschinski mit Hauptmanns letzten Lebensjahren beschäftigt, geht es in dem Buch von Uwe Timm, "Ikarien", um den sehr jungen Gerhart Hauptmann. Dort spielt er allerdings nur eine Nebenrolle, denn es ist ein biografischer Roman über Alfred Ploetz, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika einen utopischen Staat gründen wollte.

Ploetz und Pleschinski sind gut befreundet und Hauptmann findet dessen Utopien durchaus interessant. "Es wird aber deutlich, dass es immer kritisch wird, wenn man Utopien versucht, in die Realität umzusetzen", schildert Leiterin Franziska Plötz. "Das ist dann genau der Punkt, an dem Hauptmann sich verabschiedet, weil er diesen Eingriff in das menschliche Miteinander nicht tragbar gefunden hat." Alfred Ploetz bereitete schließlich mit seinen Ideen der nationalsozialistischen Euthanasie-Praxis den Weg.

Kein Frackzwang mehr im Hause Hauptmann

Ende Juni liest Timm auf Hiddensee aus "Ikarien" vor. Der 78-Jährige ist zum ersten Mal im Gerhart-Hauptmann-Haus. Viele andere Schriftsteller, die im Rahmen der Lesereihe vorlesen, sind auf Hiddensee aber bereits bekannte Gäste. "Das sind zum Beispiel Sigrid Damm oder Arno Geiger, der wirklich mit jeder Publikation hier ist", sagt Plötz. "Ich leiste mir aber den Luxus, jemanden rauszusuchen, wo ich denke, das nicht so ganz im Fokus steht. Das war in diesem Fall eigentlich Esther Kinsky".

Seitdem die Autorin den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen habe, hätte sich das mit dem Fokus aber ein bisschen verändert. "Das ist schon eine sehr handverlesene Gruppe, die sich da mittlerweile herausgebildet hat", sagt die Leiterin des Hauses. Bis September werden elf Lesungen im Gerhart-Hauptmann-Haus stattfinden. In entspannten Ambiente kann man ganz ohne Frack mit einem Glas Wein den Autoren lauschen. Zu Gast bei Gerhart Hauptmann.

Weitere Informationen

Hans Pleschinski liest auf Hiddensee

09.06.2018 20:00 Uhr
Gerhart-Hauptmann-Haus Hiddensee

In seinem neuen Buch "Wiesenstein" erzählt Hans Pleschinski episodenreich und spannend vom großen Dichter Gerhart Hauptmann. mehr

Literatur zum Genießen auf Hiddensee

Esther Kinsky, Hans Pleschinski und viele mehr: Im Gerhart-Hauptmann-Haus auf Hiddensee geben sich elf Autoren und Autorinnen in einer Sommerlesereihe die Klinke in die Hand.

Datum:
Ende:
Ort:
Gerhart-Hauptmann-Haus
Kirchweg 13
18565   Kloster/Hiddensee
Preis:
10 Euro
Hinweis:
Kartenbestellungen bitte unter 038300 - 397
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 08.06.2018 | 19:00 Uhr

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