"Herzfaden" erzählt von Marionetten und Zeitgeschichte

Stand: 23.09.2020 14:40 Uhr

Generationen wuchsen mit Geschichten von Jim Knopf, Kalle Wirsch und Urmel auf. Dass sie sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, liegt auch daran, dass die Augsburger Puppenkiste sie aufgeführt hat.

von Katja Weise

Thomas Hettche erzählt in seinem neuen Roman nun die Geschichte der Augsburger Puppenkiste, aus der Perspektive der Tochter des Gründers Walter Oehmichen, Hannelore Marschall, genannt: Hatü.

Die erste Aufführung findet im Wohnzimmer der Familie Oehmichen vor Freunden statt, im November 1942.

Der Vater und die beiden Mädchen steigen leise auf die Spielbrücke. Toitoitoi flüstert er und zieht eine kleine Spieluhr auf. Als die Melodie einsetzt, dreht er an der kleinen Kurbel und langsam öffnen sich die Läden. Hatü kommt es vor, als würde die Stille nebenan noch ein wenig stiller, und sie stellt sich vor, wie der Vorhang jetzt hellblau im Dämmer glänzt. Leseprobe

Hänsel und Gretel wird vom Marionettentheater als Erstes aufgeführt

Blau sei die Farbe der Marionetten, hat Walter Oehmichen seinen Töchtern Ulla und Hatü erklärt, weil die Holzpuppen kein Blut haben. Blau, wie der Himmel. Als der Vorhang zum ersten Mal zur Seite gleitet, spielt die Familie das Märchen von Hänsel und Gretel.

Ulla hält die Spielkreuze von Gretel und Hänsel, die in ihren kleinen Betten liegen und sich nicht rühren. "Was soll aus uns werden?", sagt der Vater. Seine Marionette lässt den Kopf hängen. "Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts haben?" Leseprobe

Thomas Hettche erzählt die Geschichte der Augsburger Puppenkiste als Geschichte in der Geschichte. Ein Mädchen, zwölf Jahre alt, besucht mit seinem Vater eine Vorstellung des Marionettentheaters, für die es sich eigentlich schon zu alt findet und flieht aus dem Foyer auf den Dachboden der Bühne.

Und da tauchte aus dem Dunkel eine Gestalt auf, zunächst kaum zu erkennen, die sich langsam dem Lichtteppich in der Mitte des Dachbodens näherte. Zuerst konnte das Mädchen ein gelbes Gewand ausmachen, dann zwei schwarze Zöpfe. "Guten Tag, Mädchen", sagte die Marionette und nickte mit ihrem hölzernen Kopf. "Hab keine Angst. Ich bin die Prinzessin Li Si." Leseprobe

Eine Geschichte in der Geschichte

Auch Jim Knopf tritt ins Licht, das Urmel, der kleine Prinz und der kleine König Kalle Wirsch. Geschnitzt hat all diese Figuren Hannelore Oehmichen, später Hannelore Marschall oder kurz: Hatü. Auch sie kommt aus dem Dunkel auf das Mädchen zu - in einem altmodischen Damenkostüm, mit einer Zigarette in der Hand und erzählt ihm ihre Geschichte. Die beginnt mit der Einberufung des Vaters kurz nach Kriegsbeginn. Fremd steht er in der grauen Jacke mit dem Hakenkreuz auf der Brust vor den Töchtern.

Die Idee, ein Marionettentheater zu gründen, kommt dem Schauspieler und einstigen Oberspielleiter am Stadttheater Augsburg an der Front. Denn mit den hölzernen Puppen stellt er fest, lassen sich Geschichten anders erzählen, die Zuschauer werden fast automatisch zu Kindern. Fasziniert hat Oehmichen vor allem, und diese Faszination teilt Thomas Hettche, dass die Figuren auf das Publikum wirken wie Menschen. Als würden sie wirklich sehen, lächeln, sprechen. Grund dafür, lässt Hettche Oehmichen erklären, sei der Herzfaden:

"Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird von ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht." Leseprobe

Auch Themen der Zeitgeschichte werden behandelt

Ins Herz, in die erwachsene Kinderseele trifft auch dieser zauberhafte Roman. Dabei erzählt Thomas Hettche eindringlich Zeitgeschichte; es geht um Krieg und Vertreibung, Judenhass und Opportunismus, den schweren Aufbruch nach der bedingungslosen Kapitulation. Aber eben auch um die Kraft der Kunst und die Magie der Fantasie. Die, so Hettches ein wenig plakative These in der Rahmenhandlung, ist bedroht durch die Smartphones, die nicht nur Kinder und Jugendliche heutzutage kaum noch aus der Hand legen.

Wer "Herzfaden" einmal in die Hand genommen hat, möchte das Buch nicht mehr weglegen. Denn auch die Optik stimmt. Rot ist die Rahmenhandlung gedruckt, blau die Geschichte der Marionetten. Dazu gibt es Zeichnungen von Matthias Beckmann: herzergreifend.  

Herzfaden

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05256-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.09.2020 | 12:40 Uhr

Cover von Thomas Hettches "Herzfade" © Kiepenheuer & Witsch
5 Min

Thomas Hettche: "Herzfaden"

Wer Thomas Hettches zauberhaften Roman einmal in die Hand genommen hat, möchte das Buch nicht mehr weglegen. Die Illustrationen darin stammen von Matthias Beckmann. 5 Min

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"  (Cover) © Kunstmann
4 Min

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"

"Ein Mann der Kunst" ist ein vergnüglicher Roman, der mit der Nadel der Erkenntnis in aufgeblähten Bildungsdünkel sticht. 4 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Marcel Proust lebte abgeschieden und kränklich in einem Zimmer. Seine präzise Beschreibung von Erinnerungen wie der „Madeleine“ lässt Vergangenes gegenwärtig erscheinen. 5 Min

Richard Ford: "Irische Passagiere" © Hanser Berlin
5 Min

Richard Ford: "Irische Passagiere"

Allen Geschichten in Richard Fords Buch ist gemein, dass die Protagonisten irische Wurzeln, irische Ehefrauen und Ehemänner oder irische Reiseziele haben. 5 Min

Mehr Kultur

Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen sind bei einem Konzert in der Elbphilharmonie nur wenige Zuschauer. © picture alliance/dpa Foto: Axel Heimken

Förderung der Kultur - Reicht das um die Kultur zu retten?

Durch die Corona-Pandemie ist der Förderbedarf im Kulturbetrieb mittlerweile groß. Wie lange funktioniert das noch? mehr

Der südafrikanische Künstler William Kentridge gestikuliert vor einer seiner Skulpturen © Kristin Palitza/dpa +++ dpa-Bildfunk Foto: Kristin Palitza

William Kentridge: Kunst des Weltstars in den Deichtorhallen

Die Deichtorhallen zeigen Zeichnungen, Trickfilme, Videos, Drucke, Skulpturen und riesige Installationen des Künstlers. mehr

Buchcover "Lieber Besucher aus dem All" © NordSüd Verlag

Drei inspirierende Bilderbücher für Kinder

Vorgestellt werden die Bilderbücher "Ein Fuchs -100 Hühner", "Hier kommt Harry" und "Lieber Besucher aus dem All". mehr

Zu  sehen ist das Gebäude der Universitätsbibliothek TIB, dem Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften, in Hannover. © NDR Foto: Miriam Stolzenwald

Leibniz Universität Hannover: TIB ist "Bibliothek des Jahres"

Die Technische Informationsbibliothek Hannover wird am Tag der Bibliotheken als "Bibliothek des Jahres" ausgezeichnet. mehr