Stand: 05.12.2017 11:30 Uhr

Alltagsimpressionen in neuer Bedeutung

In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten
von Hellmuth Opitz
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Der Autor hat neben der Münsteraner Literaturmeisterschaft auch diverse Poetry Slams gewonnen.

Ein Gedicht schreiben kann jeder. Die Frage ist, ob das Ergebnis auch für andere schön und erhebend klingt - oder bloß banal. Der Lyriker Hellmuth Opitz, 1959 in Bielefeld geboren und nach wie vor dort zu Hause, lässt sich für jeden neuen Gedichtband sechs bis sieben Jahre Zeit. Zuletzt erschien 2011 "Die Dunkelheit knistert wie Kandis", jetzt ganz neu ist die Sammlung "In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten".

Sein eigenes Leben ist ein Steinbruch für Ideen

Hellmuth Opitz versteht es, ein Alltagsgefühl in acht kostbare Zeilen zu bannen.

"Es ist Montag. Und es gibt Graupensuppe.
Oder wie sonst soll ich das nennen beim Blick
aus dem Fenster? Im Radio ist die Rede
vom Bekämpfen der Fluchtursachen.
Als würd ich nicht die ganze Zeit versuchen,
mir den Himmel schön zu trinken. Doch wie
soll das gehen bei der arroganten Einstellung
des Regens: immer so von oben herab." Leseprobe

"Präludium einer Februar-Misanthropie" ist der Titel dieses Gedichts. Man glaubt dem Autor sofort, dass er genau diese Situation real durchlebt hat. Offenbar dient ihm das eigene Leben als Steinbruch.

Hellmuth Opitz © Helmuth Opitz

Hellmuth Opitz im Interview

NDR Kultur

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"Ja, ist auch so", bestätigt Opitz. "Zum Beispiel das Gedicht 'Dunkelfeige': Ich bin in einer Familie großgeworden, die durch Krieg und andere Verwerfungen völlig neu zusammengesetzt wurde, und mein Halbbruder ist fünfzehn Jahre älter als ich, und ich wurde immer von meiner Mutter zu seiner Motorradclique mitgeschickt, aber als Aufpasser, als moralischer Aufpasser, aber das Gedicht beschreibt ja auch, dass ich mich da durchaus bestechen ließ. Die Clique und mein Bruder, die nannten mich immer 'Dunkelfeige', weil es das Gegenteil meines Vornamens ist: Hell-Muth."

Erinnerungen und Gegenwartsbetrachtungen

So poetisch kann eine Lausbubengeschichte erzählt werden:

"Auf meiner Unterlippe konnte man
ein Malzbier abstellen, eine Bratwurst, stunden-
lang konnt’ ich so sitzen, allein in irgendeinem
Ausflugsrestaurant und in die Landschaft
schaun, während mein Bruder loszog mit den
Mopedboys und hinten drauf Girls, die Bärbel
hießen oder Karin. Zuhause jedenfalls kam nie
ein Sterbenswörtchen über meine Unterlippe.
Die Omertà kleiner Jungs." Leseprobe

Im neuen Gedichtband gibt es mehrere solcher Reminiszenzen. Aber sie stehen gleichberechtigt neben Gegenwartsbetrachtungen, und meist gibt das einzelne Wort - wie hier die Unterlippe - den Anstoß für das Gedicht.

Schwerpunkt Lyrik

Der Schriftsteller und langjährige Verleger Michael Krüger schrieb einmal von der "deprimierenden statistischen Tatsache, dass 99,4 Prozent der Deutschen die Lektüre auch nur eines einzigen Gedichts als lebensbedrohliche Zumutung" empfänden. Für die sehr viel mehr mindestens überzeugungsbereiten Leser stellt NDR Kultur in dieser Woche lyrische Neuerscheinungen vor.

"Wenn ich spazieren gehe oder einfach laufe, dann habe ich manchmal das Gefühl, da kommt mehr zustande", erzählt der Opitz, "da tritt man eine Idee quasi locker, damit sie sich sozusagen bewegt. Ansonsten wenn ich lese, auch andere Gedichte lese, dann gibt es da oft Formulierungen oder Momente, an denen sich etwas entzündet."

Kreativität nach dem Schneeballprinzip

Der Autor beschreibt den kreativen Prozess wie ein Schneeballprinzip: Zuerst ist da ein einzelnes Wort, das zu Tal rollt und dabei mit weiterem Material angereichert wird. Er arbeitet mit Alltagsimpressionen, die durch ungewöhnlichen Blickwinkel und originelle Wortwahl zu neuer Bedeutung gelangen. Immer wird daraus ein "leuchtender Bernsteinmoment". Einer wie Hellmuth Opitz kann alles in eine lyrische Form bringen, selbst ein Sitzmöbel oder ein Stück Würfelzucker.

"Schon wieder kommt die Zange, wieder packt sie zu.
Es gibt kein Entfliehn, der Schicksalswürfel, der bist du
und wirst jetzt einfach so in einer Tasse Tee ertränkt.
Versetz‘ dich ruhig in eines Zuckerwürfels Seele,
denn er steht hier nur beispielhaft für viele Namen,
die kleinen Tödlichkeiten, täglich stillen Dramen.
Da greift man sich doch unwillkürlich an die Kehle." Leseprobe

In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten

von
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Lyrik
Verlag:
Pendragon
Bestellnummer:
978-3-86532-587-7
Preis:
15,00 €

Dieses Thema im Programm:

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