Stand: 12.04.2018 15:40 Uhr

Eine Büglerin auf Spurensuche

Die Büglerin
von Heinrich Steinfest
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In Heinrich Steinfests "Die Büglerin" ist unendlich viel zu entdecken.

In den Romanen und Kriminalromanen von Heinrich Steinfest geht es nicht immer mit rechten Dingen zu. Oft ist eine Prise Science-Fiction dabei - so zum Beispiel in dem zuletzt erschienenen "Das Leben und Sterben der Flugzeuge". Der in Stuttgart lebende Österreicher ist ein Fabulierkünstler. Der Titel des neuen Buches klingt da vergleichsweise schlicht: "Die Büglerin".

Bügeln als Bestrafung

"Das Schönste waren die weißen Hemden. Und das Schönste hob sie sich immer für den Schluss auf. Vorher kamen die Socken und die Handtücher, die leichten Hosen und (...) nicht zuletzt die Krawatten und Anzüge, die einer besonderen Vorsicht sowie einer tiefen Einsicht in das Material bedurften. Einen Anzug zu bügeln war gewissermaßen so, als bügle man den ganzen Mann, seine äußere Erscheinung, den Schatten, den er in die Welt hineinwarf und durch den er maßgeblich wahrgenommen wurde." Leseprobe

Antonia Schreiber, genannt Tonia, ist eine außergewöhnliche Büglerin: Die promovierte Meeresbiologin bügelt, um sich zu bestrafen. Sie fühlt sich schuldig am Tod ihrer Nichte. Früh war sie damals in Wien auf den Mann aufmerksam geworden, der während einer Kinovorstellung die Waffe zog, und konnte die Schüsse, obwohl sie sofort aufsprang und sich auf ihn stürzte, doch nicht verhindern. Tonia geht nach Deutschland - bügeln, erst in Hamburg, dann in Heidelberg. Dort hat sie bald einen großen Kundenkreis, weil sie etwas in die Wäsche hineinlegt:

"(...) was den Hemden und Blusen eine Schönheit verlieh, die auf den Träger überging. Also genau das, was man von Kleidung erwartet und verlangt, nur dass Tonia es zu verstehen schien, einen besonderen Geist in die Wäsche zu bügeln. (...) Eine Kundin sagte einmal: Diese Tonia Schreiber ist eine echte Hexe, und das ist wirklich ein Glück." Leseprobe

Beim Bügeln in Heidelberg wird Tonia eines Tages auf ein Hemd aufmerksam, in das auf Brusthöhe ein schwarzes Quadrat eingestickt ist. Genau so ein Quadrat hatte der Mann, der in Wien erst die Nichte und dann sich selbst tötete, auf die Brust tätowiert.

"Sie hielt es keineswegs für einen Zufall. Sie hatte immer damit gerechnet, es könnte passieren, auch wenn ihre Erwartung eher gewesen war, noch einmal auf ein Tattoo zu stoßen. Das Tattoo auf einem lebenden oder toten Mann. Doch statt dem Mann nun also ein Hemd." Leseprobe

Außergewöhnliche Lebensläufe

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Tonia begibt sich auf Spurensuche. Soweit der Kriminalfall in diesem wie immer wild fabulierten Steinfest-Roman. Er wird gelöst, nicht zu Tonias Zufriedenheit. Doch spielt das gar keine so große Rolle, auch wenn die Fragen nach Schuld und Sühne immer im Raum stehen. Heinrich Steinfest entwirft außergewöhnliche Lebensläufe. Nicht genug, dass Tonia zur Büglerin wird: Sie kommt auf einem Schiff zur Welt und verbringt die ersten Jahre auf dem Wasser. Später, in Heidelberg, schließt sie Freundschaft mit einem Mann, der gerne Schriftsteller geworden wäre, nun aber in seinem kleinen, gut gekühlten Laden Gemüse verkauft, weil er an Hyperhidrose leidet, das heißt: Er schwitzt übermäßig. Tonia macht sich zur Außenseiterin, er ist einer:

"Wenn die Leute dich schwitzen sehen, meinen sie gleich, sie würden dich auch riechen. Der Anblick genügt. (...) Jedenfalls bin ich bald aus meiner Wohnung nicht mehr rausgekommen." Leseprobe

Freude am Wortspiel

Rasant ist dieser Roman geschrieben, mit viel Freude am Wortspiel, ironischen Seitenhieben - auf Martin Walser oder Angela Merkel - augenzwinkernden Verweisen auf andere Bücher des Autors. Manchmal überwuchert das großartige Sätze wie:

"Er hätte sich zum dünnen Mann einfach nicht geeignet." Leseprobe

So die Beschreibung eines (über)gewichtigen ehemaligen Chefarztes. Oder:

"Tanzen ist eine der schönsten Arten, etwas gänzlich Sinnloses zu tun, bei dem man keinen Meter vorwärtskommt." Leseprobe

Unendlich viel ist zu entdecken in diesem an Geschichten überreichen Buch. Manche bleiben ein bisschen in der Schwebe, manche verwirren, aber wer sich einlässt auf diesen skurrilen, melancholisch grundierten Steinfest-Kosmos, wird einfach mitgenommen oder besser: hingerissen.

Die Büglerin

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Verlag:
Piper Verlag
Bestellnummer:
978-3-49205-663-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.04.2018 | 12:40 Uhr

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