Heinrich Steinfest: "Amsterdamer Novelle" © Piper

Heinrich Steinfest: "Amsterdamer Novelle"

Stand: 27.09.2021 12:23 Uhr

In seinem neuen Buch verknüpft Heinrich Steinfest souverän Philosophisches, Mystisches und Kriminalroman mit einer Liebesgeschichte und führt seine Leserschaft dann doch in die Irre.

Heinrich Steinfest: "Amsterdamer Novelle" © Piper
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von Annemarie Stoltenberg

Steinfest ist ein erfahrener Autor, der sich schon in etlichen Textformen getummelt hat. So kann er nun mit erstaunlicher Leichtigkeit damit spielen. Es beginnt mit einer Betrachtung über das Fotografiert-Werden und die notorische Unzufriedenheit mit dem eigenen Abbild.

Ein Foto von uns bleibt nach unserem Tod bestehen

Der empörte Protest: "So sehe ich ja gar nicht aus!" macht es sehr deutlich. Dieses Unbehagen angesichts der im Foto festgehaltenen Wahrheit des Augenblicks. Der Augenblick, dem zu Ewigkeit, zumindest zu großer Dauer verholfen wird. Wenn wir längst unter der Erde sind und auch wenn sich niemand mehr an uns erinnert, werden wir noch im Foto fortbestehen. Es ist nie das Foto, das uns zu täuschen versucht, sondern nur unsere willentliche oder unwillentliche Interpretation. Leseprobe

Die Kritik am eigenen Bild ist nicht das Problem der Hauptfigur dieser Novelle. Es ist Roy Paulsen, der als Visagist bei einem Fernsehsender in Köln arbeitet. Sein Sohn Tom, der in Amsterdam lebt, zeigt ihm ein Handyfoto, das er von einem Fahrradfahrer in Amsterdam zufällig gemacht hat, der exakt so aussieht wie Roy Paulsen. Paulsen will der Sache nachgehen, sobald das wieder möglich ist.

Ein Schnappschuss ist Anlass für eine Reise nach Amsterdam

Es war der Sommer nach der Pandemie, als Paulsen erstmals in seinem Leben nach Amsterdam fuhr. Wie überall auf der Welt war die große Erleichterung spürbar, dass der Albtraum vorüber zu sein schien. Man hoffte auf eine Zeit, die dann als die "Wilden Zwanziger des 21. Jahrhunderts" in die Geschichte eingehen würde. Wobei, so ganz vorbei war die Sache natürlich nicht, weil nie etwas ganz vorüber ist, Kriege, Seuchen, das Sterben von Spezies und Industrien, der Verlust von Kaufkraft, ein Unwetter, ein Absturz gleich welcher Art, eine schreckliche Erfindung, all das erzeugt Nachwehen. Einen Nachhall, ein Nachklingen. Leseprobe

Wir begleiten weiter Roy Paulsen nach Amsterdam, wo er Tage damit verbringt, das Haus auf dem Foto, die Straße, in der es steht, zu suchen. Als es ihm nach einem Gewitter gelungen ist, beginnt er, das Handyfoto, das sein Sohn doch nur zufällig geschossen hatte, auf sehr spezielle Weise nachzustellen und in ein lebendiges Foto zu verwandeln. Stand nicht im Hintergrund ein Kind im Gitterbett am Fenster und blickte auf die Straße an der Gracht herunter?

Diese kleine Novelle ist sehr auf die Pointe zu geschrieben, sodass man keinesfalls mehr verraten darf. Heinrich Steinfest erlaubt sich einen literarisch reizvollen, elegant verspielten und verschachtelten Scherz mit uns. Eine Art literarische Zwischenmahlzeit für Menschen, die viel und gern lesen und etwas brauchen für die Zeit zwischen zwei vielleicht wuchtigeren Büchern.

Amsterdamer Novelle

von Heinrich Steinfest
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper Verlag
Bestellnummer:
978-3-492-07117-8
Preis:
15,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.09.2021 | 12:40 Uhr

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