Henning Boëtius: "Der weiße Abgrund" © btb

Heinrich-Heine-Roman von Henning Boëtius: "Der weiße Abgrund"

Stand: 10.12.2020 12:45 Uhr

Als Jude, Demokrat und scharfzüngiger Satiriker geriet Heine immer mehr ins Visier der Zensoren und floh 1831 nach Paris, wo er 1857 gestorben ist.

von Katrin Krämer

Über Heine zu schreiben, sagt Henning Boëtius, sei für ihn naheliegend gewesen, schließlich zähle er ihn zu seinen literarischen Hausgöttern. Gleich zu Beginn des Buchs, im ersten Teil einer kleinen Rahmenhandlung, trifft sich der Erzähler mit einem Freund, um am Strand einer Nordseeinsel zusammen Gedichte von Heine zu lesen.

Heine hatte für den Autor große Bedeutung

Ich zog das Buch aus der Seitentasche meiner Regenjacke und schlug es auf. Es war der erste Band einer Gesamtausgabe aus den zwanziger Jahren, auf dem Titelblatt die handschriftliche Widmung des Herausgebers an meine Großmutter. Leseprobe

Boëtius - der eigentlich mal Atom-Physiker werden wollte - ist eine schillernde Persönlichkeit mit einer bewegten Vergangenheit. 1937 wurde er in Hessen geboren, wuchs aber auf Föhr auf. Dieses Treffen am Strand mit einem Freund, erzählt der Autor, habe wirklich so stattgefunden.

Allerdings auf Föhrs Nachbarinsel Amrum, denn nach Veröffentlichung seines letzten Romans "Der Insulaner", könne er sich auf Föhr kaum mehr blicken lassen. Auch Heine machte sich bei Nordseeinsulanern unbeliebt. 1827 musste er von Norderney fliehen, weil er sich allzu sarkastisch über die "hannövrischen Junker" und allzu beleidigend über die Norderneyer Frauen geäußert hatte:

Die Tugend der Insulanerinnen wird durch ihre Hässlichkeit, und ganz besonders durch den Fischgeruch, der mir wenigstens unerträglich war, vor der Hand geschützt. Leseprobe

Ein Roman in Rückblenden

Boëtius erzählt diese Episode - wie viele andere Szenen aus Heines Leben - in der Rückblende. Denn die Haupthandlung des Romans "Der weiße Abgrund" spielt in Paris. Nach seiner Ankunft 1831 ist Heine schnell der Mittelpunkt der Gesellschaft und fühlt sich in der Stadt wie ein Fisch im Wasser. Oder, wie Heine es 1832 in einem Brief ausdrückt:

Würde ein Fisch einen anderen Fisch nach seinem Befinden fragen, würde er sagen, er fühle sich wie Heine in Paris. Leseprobe

In diesem Jahr erleidet Heine einen epileptischen Anfall und entwickelt Symptome einer mysteriösen Krankheit.1833 verliebt er sich mal wieder heftig. Diesmal in die 18-jährige Schuhverkäuferin Augustine. Bevor Heine "Mathilde", wie er sie nennt, heiratet, leben sie fast sieben Jahre in "wilder Ehe" zusammen.  

In Paris wird Heine schwer krank

Auch wenn Heine vor Schmerzen gekrümmt auf seinem Krankenbett liegt, seine junge Frau fordert von ihm unnachgiebig, sie sexuell zu befriedigen. Die Ärzte doktern an ihm herum, seine Leiden werden immer schlimmer. 1848 taucht der ungarische Pathologe David Guby auf, wird zum Freund, verabreicht Heine - trotz finanzieller Sorgen - Morphium und ermuntert ihn, zu schreiben. Von seiner "Matratzengruft" kann Heine oft kaum noch aufstehen:

Er ist ein sterbender König, mit seinem winzigen Drei-Zimmer-Versailles, seinem kleinen Hofstaat, seiner Mätresse. Seine Krone sind seine Schmerzen, sein Zepter ist seine Bleifeder, sein Reichsapfel ist seine Einsamkeit.  Leseprobe

Henning Boëtius schildert Heines Krankheit und die medizinischen Behandlungsmethoden in drastischen Details, die Liebesfreuden derb und lebensprall. Fakten und Fiktion verschwimmen in den Dialogen, die sich elegant und amüsant lesen.

Besuch von einem exzentrischen Freund

Als Gerard de Nerval Heine einen Krankenbesuch abstattet ist es, als würde man mit an Heines Bettrand sitzen. Man kann den toten Hummer regelrecht riechen, den der exzentrische Schriftsteller Nerval wie immer an einer Leine hinter sich her zieht. Ihm verrät Heine dann auch seinen größten Wunsch. Bevor er stirbt, möchte er noch einmal das Meer sehen!

Jedes Mal, wenn ich dort war, auf Helgoland, auf Norderney, in England, in der Normandie, war mir leichter zu Mute als anderswo im Binnenland. Ich war so etwas wie der Hofdichter des Meeres. Leseprobe

Dann ist da noch das Geheimnis der verschwundenen Memoiren. Könnte Mathildes Rechtsbeistand sie nach Heines Tod entwendet haben, liegen sie vielleicht noch irgendwo auf einem Dachboden versteckt?, fragt sich der Erzähler am Schluss. Diesem Rätsel wird Henning Boëtius hoffentlich in einem seiner nächsten Bücher nachgehen!

Der weiße Abgrund

von Henning Boëtius
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb
Bestellnummer:
978-3-442-75076-4
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.12.2020 | 12:40 Uhr

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