Haruki Murakami: "Erste Person Singular" © DuMont Verlag

Haruki Murakami: "Erste Person Singular"

Stand: 28.01.2021 15:10 Uhr

"Erste Person Singular" - diesmal hat der japanische Bestsellerautor keinen dicken Roman vorgelegt, sondern einen eher schmalen Band mit insgesamt acht Erzählungen.

von Claudio Campagna

Seine Fans werden aber nicht enttäuscht sein, denn auch "Erste Person Singular" hält sich an das bewährte Murakami-Rezept.

Ein Autor, der schon mit dem ersten Satz neugierig macht

"Ich muss dich mal was fragen", sagte sie, als wir nackt unter dem Futon lagen. "Wahrscheinlich rufe ich beim Orgasmus den Namen eines anderen Mannes. Macht dir das was aus?" Leseprobe

Murakami kann es. Schon nach wenigen Zeilen ist ein Geheimnis angedeutet, ist die Neugier geweckt. Der Leser wird in die Geschichte hineingesogen. Das liegt nicht zuletzt an ein paar Zutaten, die der Meistererzähler geschickt vermengt - und ja, Sex gehört dazu.

"Liebst du ihn?", fragte ich, als ich ihr das Handtuch gab.
"Ja, sehr", sagte sie. "Ich liebe ihn sehr. Er geht mir nicht aus dem Kopf. Aber er liebt mich nicht. Eigentlich hat er eine Freundin."
"Aber du triffst dich trotzdem mit ihm?"
"Er ruft mich an, wenn er mit mir schlafen will", sagte sie. "Wie wenn man was zu essen bestellt."
Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, also schwieg ich. Leseprobe

Gern arbeitet Murakami mit Rätseln

Murakami wirft Fragen auf, beantwortet sie aber nicht. Und das ist die zweite Zutat: Jede Kurzgeschichte birgt ein Rätsel. In der ersten Erzählung des Bandes "Auf einem Kissen aus Stein" erfahren wir also nicht, ob die Frau, die eine Nacht mit dem Erzähler verbracht hat, mit ihrer großen Liebe doch noch glücklich wird, ob sie sich auf ewig in die Rolle eines erotischen Bestellgerichtes schicken muss oder ob ihre Beziehung tragisch endet. Nur dass sie Gedichte schreibt, erfahren wir. Und diese drehen sich häufig um den Tod.

Die dritte Murakami-Zutat: Vergänglichkeit. Der Tod als Möglichkeit ist allgegenwärtig und jede Geschichte thematisiert auch das Vergehen der Zeit. Meist erinnert sich der Erzähler an eine weit zurückliegende Episode aus seinem Leben - oder eben nicht. So wie in der titelgebenden Geschichte "Erste Person Singular". Da bedrängt eine unbekannte Frau in einer Bar den Erzähler, er solle sich schämen für eine ominöse, furchtbare Tat. Der Mann ergreift die Flucht.

"Ich glaube, ich hatte Angst. Angst, dass vielleicht ein Ich, das nicht ich war, vor drei Jahren an irgendeinem "Ufer" einer Frau - einer Frau, die ich nicht kannte, etwas Schreckliches angetan hatte. Und dass etwas in mir, von dem ich nichts wusste, ans Licht gezerrt würde." Leseprobe

Eine Melodie aus Liebe und Vergänglichkeit

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Haruki Murakami © picture alliance/dpa

Lesung: "Erste Person Singular" von Haruki Murakami

Frank Arnold liest aus dem Erzählband des japanischen Autors. "Erste Person Singular" hält sich an das bewährte Murakami-Rezept. mehr

Schließlich - Zutat Nummer 4 - kommt fast keine Geschichte ohne Soundtrack aus. Ohne eine Melodie, die mal lauter oder mal leiser unter der Erzählung liegt. Ein kultivierter Herr lernt eine unansehnliche Dame kennen, die sich zunächst als äußerst klug und geistreich, dann auch als Betrügerin entpuppt. Maskerade, Sein und Schein - schwer zu sagen, wo die Grenze verläuft. Was die beiden verbindet ist ihre Liebe zu Schumanns Klavierzyklus "Carnaval".

In einer anderen Geschichte sieht ein Junge in der Schule ein hübsches Mädchen mit einer Beatles-Schallplatte an sich vorbeirauschen.

Eigentlich war es das Bild des jungen Mädchens, das die Platte an sich drückte wie einen Schatz, welches mich so in seinen Bann geschlagen hatte. Doch wer weiß, vielleicht hätte mich ihr Anblick ohne das Plattencover nicht so stark fasziniert. Natürlich war da auch die Musik. Aber da war noch irgendetwas anderes, was über sie hinausging, wodurch die Szene sich mir als eine einzigartige spirituelle Momentaufnahme einprägte. Sie hatte nur an diesem Ort und zu dieser Zeit entstehen können. Nirgendwo sonst. Leseprobe

Warum erinnern wir uns an bestimmte Ereignisse und Momente, an andere nicht? Wie lässt sich davon erzählen? Und wer verbirgt sich hinter der ersten Person Singular, die das tut? Wer ist "Ich"? Diese Fragen umkreisen alle Geschichten in dem Band. Wenn auch nicht alle gleich gut gelungen sind, zeigt sich Haruki Murakami doch einmal mehr als brillanter Erzähler, der vollkommen zu Recht zu den meistgelesenen Autoren der Gegenwart gehört. 

Erste Person Singular

von Haruki Murakami, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-7063-9
Preis:
18,99 €

Dieses Thema im Programm:

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