Stand: 18.02.2020 16:46 Uhr  - NDR Kultur

Gedichtband von Hans Magnus Enzensberger

Wirrwarr
von Hans Magnus Enzensberger
Vorgestellt von Claudia Christophersen

Seine klugen Gedanken, Texte, Essays und Gedichte begleiten die deutsche Literatur seit Jahrzehnten. Im letzten Jahr wurde Hans Magnus Enzensberger 90 Jahre alt. Zwei Bücher von ihm erschienen zu seinem Geburtstag: "Louisiana Story" und "Fallobst". Als wäre das nicht schon genug, hat er jetzt gleich nachgelegt: "Wirrwarr" heißt der neue Gedichtband, garniert mit Bildern von Jan Peter Tripp.

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Der scharfe Beobachter Enzensberger nimmt gern unsere alltäglichen Gewohnheiten aufs Korn.

Wirrwarr! Der Sprachjongleur Hans Magnus Enzensberger wirft ein Wort in die Lüfte. Der Autor blickt auf die Welt und stellt die Zustandsdiagnose. Er, der sich stets nach Ordnung sehnt, Erklärungen sucht für das Durcheinander in der Welt. So versteht Enzensberger sich, seinen Beruf, seine Lebensaufgabe.

Blick auf die Routinen des Alltags

90 Jahre ist er alt, nicht müde und weiterhin entschlossen, sich dem "hotch potsch", "holter til bolter", "overhoop", "villervalla", "trabalhada" oder "charivari" - so heißt "Wirrwarr" in anderen Sprachen, auszusetzen. Vielleicht macht der weltgewandte und polyglotte Dichter das jetzt weniger gehetzt, weniger gereizt. Aber immer noch staunt er und wundert sich.

IMAGEPFLEGE
Man hat sich Mühe gegeben,
unendliche Mühe.
Immer von neuem die Nase geputzt,
die Augenbrauen gezupft,
die Warze besprochen.
Gebürstet hat man, gegurgelt,
gekremt, gewaschen, gefönt,
sich jahrzehntelang tief verbeugt
vor den Zehennägeln.
Welche Hingabe!
Welche Engelsgeduld!
Obwohl man ganz genau wusste,
da war nie ein Triumph in Sicht. Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger betreibt abgeklärte Rückschau auf die Routinen des Alltags. Das hat er immer gerne getan. Bissig, frech, nie ohne Witz, nie ohne Ironie, immer mit einer gut dosierten Portion Sarkasmus und Spott. Der Lyriker, der sich doch eigentlich mehr als Essayist ins politische Weltgeschehen stürzte, mit luziden Aufsätzen, provokanten Kommentaren, kontroversen Debattenbeiträgen, hat nie Feinschliff und Eleganz der Sprache aus dem Blick verloren.

Das Gewohnte hinterfragen

Belohnt wurde er dafür früh: 1963 erhielt Enzensberger den Georg-Büchner-Preis. 33 Jahre war er damals alt. Seinen ersten Gedichtband hatte er 1957 veröffentlicht: "Verteidigung der Wölfe" - Adornos Diktum zum Trotz, man könne nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben. Enzensberger tat und tut es, hinterfragt das gewohnt Eingeübte in den Räumen der Gesellschaft.

GRENZEN DER LANGMUT
Die Straßenverkehrsordnung
ist auch nicht die Lösung.
Die zehn Gebote würden uns
vollkommen ausreichen,
hingen nicht überall Blechschilder,
die uns den Heimweg versperren.

Gewiss, es gibt Schlimmeres
unter den Belästigungen,
die wir zu erdulden haben,
der Sozialen Marktwirtschaft halber.
Ob es damit gutgehen kann
auf die Dauer? Oder ob
eines schönen Tages womöglich
uns der Geduldsfaden reißt? Hans Magnus Enzensberger

Wer weiß? Kritik an der Gesellschaft über die Sprache, die sie bestimmt. Das ist der besondere Zugriff Enzensbergers auf die sich wandelnden Realitäten der Öffentlichkeit: Herrschaftskritik, Konsumkritik, Gesellschaftskritik - für den Dichter und Denker alles eingeübte Techniken, spielerisch und sprachvirtuos. Seine kleine 'Lyrikapotheke' "Wirrwarr" mit knapp 70 Gedichten hält von all' dem und für jede Gemütslage etwas bereit. Nicht immer vollends kreativ inspiriert, viele Texte klingen eher wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Aber gewohnt luftig leicht und durchaus mit Melancholie.

Das Endliche erfassen

GEFÄSSE, TUBEN, KANÄLE
Spürst du nicht,
dass du eine Röhre bist,
nichts weiter,
durch die es tröpfelt,
rinnt, gleitet oder rutscht?
Und dann stockt es,
mitten in der Nacht
auf der Intensivstation.
Nichts kommt mehr.
Du solltest dich wundern,
wie lang das gutging.
Unwahrscheinlich,
von der Milch deiner Mutter,
bis zu dem waagrechten Strich
auf dem grünen Bildschirm. Hans Magnus Enzensberger

"Wirrwarr" - ein Band, der das endliche Zeitgefühl erfasst und dem leisen Ausklang einer bewegten "Sturm und Drang"-Zeit augenzwinkernd zublinzelt. Apropos: Sturm und Drang. Der Dramatiker Friedrich Maximilian Klinger wollte sein 1776 veröffentlichtes, für die Epoche wegweisendes Stück "Sturm und Drang" eigentlich mit dem Titel "Wirrwarr" überschreiben, durfte er aber nicht. Der Goethe-Zeit-affine Hans Magnus Enzensberger wird das wissen. Und er darf - natürlich.

Wirrwarr

von
Seitenzahl:
140 Seiten
Genre:
Lyrik
Zusatzinfo:
Gestaltet von Justine Landat, mit Bildern von Jan Peter Tripp
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42916-7
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.02.2020 | 12:40 Uhr

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