Stand: 05.11.2019 11:50 Uhr  - NDR Kultur

Hanns-Josef Ortheils Hemingway-Roman

Der von den Löwen träumte
von Hanns-Josef Ortheil
Vorgestellt von Alexander Solloch

Man merkte Hanns-Josef Ortheil das leise Kribbeln schon an, als er im Juni in Hildesheim bei der Feier zum 20. Geburtstag der dortigen Schreibschule auftrat, die er ja mitbegründet hatte. Die leise Nervosität, die besagte, bald erscheint mein neuer Roman - und mit verschmitztem Lächeln: ein Hemingway-Roman.

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In Ortheils Roman überwindet Ernest Hemingway in der Einsamkeit eines Landhauses seine Schreibblockade und findet langsam ins Leben zurück.

Was würde das wohl werden, fragte man sich, wenn Ortheil, der selbst auf sehr komplizierten Wegen zum Schreiben gefunden hatte (wie man in vielen seiner Bücher nachlesen kann), nun über Hemingways Schreibkrise schriebe? Jetzt ist der Roman da: "Der von den Löwen träumte".

Da sitzt er mit hängenden Schultern am Hotelfenster, betrachtet fassungslos die Leere in seinem Kopf und nimmt noch ein Glas, damit der Alkohol zumindest das Gemüt mit Wärme fülle. Es fällt ihm nichts mehr ein, Ernest Hemingway, diesem alten Mann, diesem Schriftsteller-Greis von beinahe 50 Jahren.

Hemingways Kampf gegen die Schreibblockade

"Am liebsten würde er nicht in einem Hotel wie dem Gritti, sondern in einer dieser versteckten Wohnungen Zuflucht suchen. Drei Zimmer würden genügen, wenn nur der Schreibtisch groß genug wäre! Ein großer Schreibtisch aus festem, beständigem Holz vor einem Fenster, das würde ihm sehr gefallen. Lange Zeit hatte er kein Buch mehr geschrieben, und es war fraglich, ob er je wieder eines schreiben würde. Noch aber hatte er eine Ahnung davon, wie man das machte: täglich schreiben, an einem Roman oder an einer Erzählung arbeiten. Es war eine der besten Sachen gewesen, die er in seinem Leben getan hatte, und er würde alles tun, um zum Schreiben zurückzufinden." Leseprobe

Um die Wahrheit zu sagen: Zunächst einmal ist es Mary, seine vierte Frau, die alles tut, um ihn wieder zum Schreiben zu bringen. Es ist ihre Idee, dass nur ein Ortswechsel einen Wandel herbeiführen könne. Also weg aus der Wahlheimat Kuba, hin nach Venedig. Die Stille dort und das Meer, wie sollte er da nicht genesen? Nur, wir schreiben das Jahr 1948. Dies ist die Zeit, in der Schriftsteller noch Weltruhm erlangen und dort, wo sie auftauchen, größte Erregung auslösen können. Selbst die so zurückhaltenden Venezianer können kaum an sich halten, als Hemingway im Wassertaxi an der Anlegestelle seines Hotels eintrifft.

"Er hielt sich noch etwas zurück, bis das Boot nur noch wenige Meter entfernt war. 'Na los', dachte er, zeig, wie Du Dich freust!' Er zog die alte Jacke aus und reckte sich auf. Dann winkte er dem Pulk der Menschen zu, die sich auf der Terrasse drängten. 'Hey, worauf wartet Ihr?', dachte er, 'doch nicht auf mich, Ernest Hemingway. Ihr sehnt Euch nach Eurer Geschichte, wie sie Euch noch nie jemand erzählt hat.'" Leseprobe

Der Drang, etwas Außergewöhnliches zu schaffen

"'If he's a good enough writer, he must face eternity or the lack of it each day. He should always try for something that has never been done or that others have tried and failed.'" Ernest Hemingway

Darunter macht Hemingway es nicht: Der Schriftsteller müsse sich täglich mit der Ewigkeit auseinandersetzen, müsse immer versuchen, etwas zu schaffen, was keiner zuvor geschaffen hat. Schöne Worte, mehr nicht. Die dunklen Gedanken blockieren ihn. Aber wenn sich auch bald der Trubel um den Weltstar aus Amerika legt, lassen ihn doch drei Venezianer nicht aus den Augen: Der Reporter Sergio Carini hofft die ganze Zeit auf die Sensationsstory. Seine Tochter Marta kümmert sich liebevoll um Mary. Ihr kleiner Bruder Paolo, 16 Jahre jung, nimmt den Schriftsteller mit auf Bootstouren durch die Kanäle von Venedig. Die vielen Gespräche setzen etwas in Gang beim gewesenen Schriftsteller, der bald vielleicht wieder einer sein kann.

Auf Hemingways Spuren in Venetien

70 Jahre später heftet sich Hanns-Josef Ortheil an seine Spuren, folgt ihm über die Kanäle, in die Lagunenlandschaft, auf die Insel Torcello in die Locanda, die die Familie Carini Hemingway besorgt: Das ist sein neuer Schreibort! "Im Winter 1948/49 hat er hier gelebt und an den großen Stoffen gearbeitet, die sich so langsam in seinem Kopf abzeichneten: zum einen 'Über den Fluss und in die Wälder' und dann - ganz im Hintergrund und für ihn vielleicht noch gar nicht so klar - auch schon der Stoff, der dann das Meer behandelt, also 'Der alte Mann und das Meer'. Hier wiederum entsteht das, was ich mit ihm in Verbindung bringe, mein eigener Text … hoffentlich", erzählt Ortheil.

Veranstaltungen

Hanns-Josef Ortheil liest in Hamburg am Rothenbaum

12.11.2019 19:30 Uhr
Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg

In seinem neuen Roman "Der von den Löwen träumte" porträtiert Hanns-Josef Ortheil einen der größten Erzähler unserer Zeit: Ernest Hemingway. mehr

Da ist er nun: Sanft und leise und unaufgeregt wie je ergründet Hanns-Josef Ortheil, wie einer zum Schreiben kommt; und noch ehe man denken könnte, jetzt wisse man alles darüber (schon klar, man muss in der Übung bleiben, gut beobachten, immer alles notieren, und ein Glas Wein schadet auch nichts), zerrüttet der Geschichtenerzähler Ortheil alle Gewissheiten mit wenigen Strichen.

Eine junge, viel zu junge Frau taucht auf, und dem alten Mann entgleitet das Schreiben wieder, entgleitet der Roman - wird er je geschrieben werden? Das ist spannend bis zur letzten Seite, selbst wenn man das Ende kennt. Kein Mord geschieht, aber Literatur entsteht.

Der von den Löwen träumte

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87439-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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Hanns-Josef Ortheil: "Der von den Löwen träumte"

06.11.2019 12:40 Uhr
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Sanft und unaufgeregt ergründet Hanns-Josef Ortheil in seinem Roman "Der von den Löwen träumte", wie einer zum Schreiben kommt. Audio (03:48 min)

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