Cover "Hammaburg" von Jens Natter © Ellert & Richter Verlag

"Hammaburg": Hamburgs Urgeschichte als Comic

Stand: 20.10.2020 12:42 Uhr

"Hammaburg" heißt Jens Natters Graphic Novel, die mit Humor und Freude an der Historie von der ersten Blüte des Ur-Hamburgs und Raubzügen der Wikinger erzählt.

von Daniel Kaiser

Norddeutschland vor 1.200 Jahren: Der Mönch Ansgar kommt an die Elbe. Er hat den Auftrag, aus dem kleinen Kaff Hammaburg einen strategischen Stützpunkt zu machen. Das Buch erzählt nicht nur vom kleinen Alltag im Mittelalter, es geht auch um die großen Intrigen im Kaiserreich, um die dunkle Bedrohung brandschatzender Wikinger-Horden aus dem Norden - und Hammaburg ist mittendrin. Die Graphic Novel schrieb sich fast von allein, lacht Jens Natter. "Diese Dramatik steckte im Stoff, ohne dass ich etwas tun musste. Ich musste sie nur zu Papier bringen. Das war der größte Aha-Effekt für mich, weil ich - wie wohl die meisten -am Anfang dachte, die Hammaburg sei nur eine Holzburg."

Kein Fantasie-Produkt

Jens Natter hat genau recherchiert. Er wälzte Bücher, war auf dem Hamburger Domplatz unterwegs, auf dem vor einigen Jahren die historische Hammaburg entdeckt wurde, besuchte das Kloster Corvey und die Wikinger-Hochburg Haithabu. Wie die Menschen damals lebten und wie sie aussahen, sollte kein Fantasie-Produkt sein. Und so hat er schon mal länger an einem Helm herumgefeilt, bis er authentisch aussah. "Die Problematik vom frühen Mittelalter ist das fehlende Bildmaterial. Aus dem 18. Jahrhundert findet man schon einiges auf Gemälden, aber das frühe Mittelalter ist eine Nummer für sich."

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Vom Archäologen empfohlen

Ganz eng hat sich Jens Natter mit Hamburgs Landesarchäologen Rainer-Maria Weiss abgestimmt. Der Comic habe wirklich Hand und Fuß aus dem Mittelalter, schwärmt Weiss. "Als auf dem Domplatz die Ausgrabungen an der Hammaburg begannen, haben wir uns nicht träumen lassen, dass daraus mal ein Comic entstehen könnte. Als wir uns dann aber wissenschaftlich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt haben, bemerkten wir, wie viel Zündstoff die Thematik hat und wie spannend Ansgars Leben Mitte des neunten Jahrhunderts in der Hammaburg gewesen ist." 

Frecher Blick auf den Heiligen Ansgar

Jans Natter kombiniert mit seinem gezeichneten Roman Historie und Humor. Die Tonsuren der Mönche sind beispielsweise nicht immer frisch rasiert und zeigen Stoppeln. Die Wikinger sind einigermaßen furchteinflößend, haben aber auch ihr Päckchen zu tragen. Das ist oft interessant und witzig. Durchgängig sympathisch kommt der Heilige Ansgar übrigens nicht rüber. Jens Natter wollte keine Heiligenbiografie schreiben und hat die alten Texte genau studiert. "Es gab ein paar Widersprüche, und die lassen darauf hindeuten, dass ihm, wenn es hart auf hart kam, seine Karriere und sein Leben doch ein bisschen wichtiger waren. Damit ecke ich auch an, aber die historischen Quellen lassen solche Interpretationen zu."

Erster Lieferengpass

Der Mix aus Unterhaltung und Wissen trifft einen Nerv. "Hammaburg" ist schon jetzt - wenige Tage nach Erscheinen - ein Erfolg. "Der erste Lieferengpass ist schon da", freut sich der Autor. "Das ist für mich eigentlich eine ungewohnte Situation. Normalerweise ist man in Deutschland froh, wenn der eigene Comic in die Buchläden kommt. Dass er in den ersten Tagen vergriffen ist, ist für mich ein ziemliches Novum."

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Computergrafik der Hammaburg vom Archäologischen Museum Hamburg © Archäologisches Museum Hamburg

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Hammaburg

von Jens Natter
Seitenzahl:
96 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Ellert & Richter Verlag
Veröffentlichungsdatum:
01.10.2020
Bestellnummer:
978-3-8319-0781-6
Preis:
16,95 €

Dieses Thema im Programm:

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