Cover des Buchs "Dammbruch" von Robert Brack © Ellert & Richter Verlag

Hamburger Sturmflut-Krimi von Robert Brack: "Dammbruch"

Stand: 03.01.2021 12:40 Uhr

Der Tatort von Autor Ronald Gutberlet ist seit Jahrzehnten Hamburg. Ob als Robert Brack oder als Virginia Doyle - so ein weiteres Pseudonym des Schriftstellers.

von Jürgen Deppe

Der studierte Soziologe siedelt seine Kriminalromane immer wieder in seiner Wahlheimat an - und meistens in deren Vergangenheit. Sein jüngster Roman "Dammbruch" ist in der Krimibestenliste im Dezember von sechs auf drei aufgestiegen.

Wenn alle Dämme brechen

Mitte Februar 1962, Schietwetter in Hamburg. Es regnet entlang der Elbe. Es stürmt. Ohrenbetäubend.

Aber das Rauschen kam nicht vom Wind, der durch die Bäume am Kanalufer fegte. Nein, das Rauschen hing in der Luft. Überall. Seit Tagen schon. Es war allgegenwärtig und wollte nicht aufhören. Ihrem Gefühl nach lag es über der ganzen Stadt, über dem ganzen Land, über der ganzen Welt. Vom Wind gemacht, der unsichtbare Saiten in der Luft zum Klingen brachte und eine tosende Musik erzeugte. Eine Sturmsinfonie. Nicht gerade harmonisch, aber bombastisch. Ein vielstimmiges dröhnendes Brausen. Leseprobe

Das ist erst die Ouvertüre. Da ist Betty, die junge "Frau aus dem Osten", die in Wilhelmsburg in einer "Bude" lebt, einer einfachen Behelfsunterkunft für Aussiedler in einer Schrebergartenkolonie. Das Leben hat es bislang nicht gut mit ihr gemeint. Sie wirkt schwer traumatisiert.

Weitere Informationen
Überflutete Kleingartenkolonie an der Neuhöferstraße in Wilhelmsburg nach der Sturmflut 1962. © NDR Foto: Karl-Heinz Pump

Sturmflut in Hamburg 1962 - eine Chronologie

Vom 16. auf den 17. Februar 1962 erlebt Hamburg seine schlimmste Katastrophe seit dem Weltkrieg. Ein Überblick über die Ereignisse vor, während und nach der Sturmflutnacht. mehr

Ein paar Kilometer weiter, auf der anderen Seite der Elbe, ist Rinke, Lucius Rinke, genannt Lou. Ein Panzerknacker, gerade aus dem Knast entlassen und nun auf dem Kiez unterwegs, um seinen letzten großen Coup vorzubereiten. Danach will er weg. In die Karibik, nach Kuba. Da sei das Wetter besser und die Politik auch, findet Rinke.

Ein schlichtes Mosaik aus Versatzstücken

So weit, so klassisch: nullachtfuffzehn. Natürlich gibt auf St. Pauli ein Lude die Instruktionen für den "Einsatz" vor, wie Rinke sein Panzerknacken nennt. Natürlich ist - um der Komik willen - Lous Handlanger Piet ein echter Tollpatsch. Fehlen eigentlich nur noch zwei waschechte Wachtmeister im Peterwagen, voilà, Polizeiobermeister Mattei und Polizeimeister Danner. Spätestens da ist der Punkt erreicht, an dem man sich fragt, wie es ein so altbackener und stereotyper Krimi wie "Dammbruch" auf Platz 3 der Krimibestenlisten schaffen konnte. Aber Achtung: In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 brechen alle Dämme.

Der Orkan, eben noch eine "Wetterlage" und eine "ungewöhnliche Situation", hatte sich, angetrieben von einem Sturmtief, dem irgendein Meteorologe den Spitznahmen "Vincinette", die Siegreiche, gegeben hatte, in ein mörderisches Monster verwandelt, das alles unter sich begrub und zerstörte, was ihm in die Quere kam. Leseprobe

Ein Jahrhundertsturm in einem stürmischen Jahrhundert

Während der Orkan von Nordwest immer mehr Wasser ins Landesinnere drückt, scheint es, als drücke auch die seinerzeit nicht einmal 20 Jahre zurückliegende Vergangenheit mit aller Gewalt gegen die vor der Erinnerung an die deutsche Geschichte notdürftig errichteten Schutzdämme. Doch die bricht wie die Flut in Wilhelmsburg ein. Die vom Rande der Gesellschaft, die schöne Betty und der Schurke Rinke, sitzen am Ende - im wahrsten Wortsinn - in einem Boot. Der Überlebenskampf geht weiter. 

Der Krieg hört nie auf, dachte Betty. So ist das eben. Natur gegen Mensch, Mensch gegen Natur, Mensch gegen Mensch. Leseprobe

Heute - 75 Jahre nach Ende der Nazidiktatur und fast 60 Jahre nach der Hamburger Sturmflut - wissen wir, was damals geschah. Robert Brack lässt das in seinem "Sturmflutthriller" mit einer Zwangsläufigkeit auf uns zurollen und über uns zusammenbrechen, dass die vermeintlich friedliche Ruhe nach dem Sturm beinah genauso unerträglich wird wie der Sturm selbst. Sehr klassisch, aber klasse!

Dammbruch

von Robert Brack
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ellert & Richter
Bestellnummer:
978-3-8319-0775-5
Preis:
12,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.01.2021 | 12:40 Uhr

Wally Koval: "Accidentally Wes Anderson" © Dumont Verlag
5 Min

Wally Koval: "Accidentally Wes Anderson"

Die Instagram-Gruppe "Accidentally Wes Anderson" sammelt Motive, die optisch an die Filme des Kult-Regisseurs erinnern. 5 Min

Paolo Casadio: "Der Junge, der an das Glück glaubte" © Hoffmann und Campe
4 Min

Paolo Casadio: "Der Junge, der an das Glück glaubte"

Der Roman "Der Junge, der an das Glück glaubte" spielt in einer abgelegenen Bergregion Italiens zur Zeit des Faschismus. 4 Min

Clarice Lispector: "Aber es wird regnen" (Cover) © Penguin
5 Min

Clarice Lispector: "Aber es wird regnen"

Die Erzählungen Clarice Lispectors sind ein erregender Irrgarten: Herausfinden muss man alleine. Darin liegt ihr Reiz. 5 Min

Matt Ruff: "88 Namen" (Buchcover) © S. Fischer Verlag
4 Min

Matt Ruff: "88 Namen"

"88 Namen" von Matt Ruff ist ein herrlich skurriler Trip durch die schaurig schöne Welt unseres digitalen Zeitalters. 4 Min

Ulrich Weber: "Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie" (Cover) © Diogenes
5 Min

Ulrich Weber: "Friedrich Dürrenmatt"

Friedrich Dürrenmatt war ein überragender Schriftsteller. Ulrich Weber öffnet mit seiner Biografie Türen in das Werk des Autors. 5 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Lew Tolstoi: "Krieg und Frieden"

Eine Chronik und ein Panorama des russischen Lebens um 1860, ein Abbild der ganzen Gesellschaft und ein großer historischer Zweikampf zwischen Napoleon und Kutusow. 5 Min

Cover des Buchs "Dammbruch" von Robert Brack © Ellert & Richter Verlag
5 Min

Robert Brack: "Dammbruch"

Robert Brack lässt seinen jüngsten Roman "Dammbruch" überwiegend südlich der Elbe in Hamburg-Wilhelmsburg spielen. 5 Min

Mehr Kultur

Auf dem Monitor im Künstlerzimmer sieht man das Aris Quartett bei einem Konzert im Kleinen Saal der Elbphilharmonie © NDR Foto: Marcus Stäbler

"Rising Stars" in der Elbphilharmonie nur im Videostream

"Rising Stars" heißt eine Konzertreihe mit jungen Talenten der Klassik. Zum 25-jährigen Bestehen sind sie im Stream zu erleben. mehr

Schauspieler Nico-Alexander Wilhelm und der Küntlerische Leiter Klaus Schumacher auf der Baustelle des Jungen Schauspielhauses am Wiesendamm. © NDR Foto: Peter Helling

Hamburg: Eine neue Heimat für das Junge Schauspielhaus

Im Zentrum für Theater in Hamburg-Barmbek wird die junge Bühne eine neue Heimat bekommen. Ein Besuch auf der Baustelle. mehr

Das Cover des Buchs "Denn es ist unsere Zukunft" von Bettina Weiguny © Rowohlt Verlag

Wie junge Rebellinnen für eine bessere Zukunft kämpfen

In ihrem Sachbuch "Denn es ist unsere Zukunft" beschäftigt sich die Journalistin Bettina Weiguny mit jungen Aktivistinnen. mehr

Komponist Hermann Schepetkov sitzt im roten Bademantel an seinem Computer und komponiert. © NDR Foto: Anina Pommerenke

"Leben im Lockdown": Komponisten-Duo im Homeoffice

Das Hamburger Komponisten-Duo "2wei" produziert von zu Hause aus Musik für Filmtrailer, Werbefilme und Computerspiele. mehr