Stand: 11.08.2020 11:17 Uhr

Sebastian Stuertz: "Schreiben ist wie Spielen"

von Annette Matz
Autor Sebastian Stuertz im Videointerview.
Sebastian Stuertz lebt und arbeitet er in Hamburg. Der Medienkünstler und Produzent wuchs am Steinhuder Meer auf.

Wenn der eigene Debütroman genau dann sein Erscheinungsdatum hat, wenn der Corona-Shutdown startet, ist das ganz schön frustrierend. Für den Hamburger Autor Sebastian Stuertz war das so: Sein Buch "Das eiserne Herz des Charlie Berg" erschien Mitte März. Die Buchläden hatten zu, Lesereisen waren tabu, nicht mal eine Feier gab es.

Dabei ist dem 46-jährigen Wahlhamburger so was wie ein Meisterwerk gelungen. Annette Matz wollte wissen, wer hinter diesem Buch steckt und wie das über 700 Seiten starke Stück entstanden ist.

Romanideen kommen in einer "Art Halbschlaf"

Manche Bücher hauen einen um und sind so ungewöhnlich, dass sie einem erst mal nicht aus dem Kopf gehen. "Das eiserne Herz des Charlie Berg" ist so eins. Eine Familiengeschichte, komplex, spannend wie ein Krimi, manchmal amüsant, und mit so viel "Menschen-Wärme" geschrieben, dass man keine Jacke braucht. Dass das Schreiben daran so was wie ein Genuss war, merkt man in jeder Zeile.

Es sei wie Spielen. "Ich möchte es am liebsten den ganzen Tag machen." Die meisten würden beim Schreiben leiden und klagen - ihm sei das nicht so gegangen, meint der Autor. Ganz früh morgens oder spät nachts, erzählt Sebastian Stuertz, in einer Art Halbschlaf-Zustand - kommen die Geschichten einfach. Alles "durchplotten" mit kühlem Kopf ist nicht seine Art.

Die Figuren machen, was sie wollen

Beim Nachlesen später sei er selber manchmal überrascht gewesen. "Das hat was Magisches, wenn man in diese Zone kommt, wo man nicht mehr nachdenkt. Da passieren die spannendsten Sachen." Das kenne man auch von vielen Autoren und Autorinnen in Interviews, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln würden. Man habe sie anders geplant und dann machten sie, was sie wollen. Das habe Stuertz immer gelesen, ohne zu wissen, was damit gemeint sei, bis er es dann selbst erfahren habe. "So sind große Teile der Geschichte einfach passiert."

Wegen Corona - "Seeweh" steht noch zu Hause

Aber so einfach ist das alles auch wieder nicht: Bei null habe er jetzt angefangen, sich mit Figurendramaturgie beschäftigt, eine große Szene-Tabelle angefertigt, sich mit Schreibregeln befasst. Eine davon heißt: "Write what you know" - also schreib nur über etwas, was du wirklich weißt. Weil es die große Leidenschaft seiner Hauptfigur Charlie ist, Parfums zu kreieren, hat Sebastian Stuertz natürlich bei einem Parfümeur recherchiert. Die Passagen, um die es geht, schickte er ihm und dann redeten sie darüber. "Er meinte, ohne, dass ich ihn drum bitten musste: 'Das baue ich dir!"

"Seeweh" heißt der Duft, den die Hauptfigur des Buches, Charlie Berg, kreiert, der auch als kleines Give Away bei der ein andere Lesung verteilt werden sollte. Jetzt liegen die Duftflakons bei Familie Stuertz zu Hause.

Dass der junge Charlie Parfums kreiert, sein schwaches Herz ihn manchmal ausbremst, er so gut riechen kann, dass er die Mixturen, die ihm im Alltag begegnen, manchmal kaum aushält, sind nur drei von gefühlt Hunderten Details, die den Roman so dicht machen. Dass die Geschichte sowohl Krimi, als auch Liebesgeschichte, als auch Roman, als auch "Coming of age" sei, lese er immer wieder in Rezensionen. Ihn interessiere halt viel, meint der Autor dazu.

"20 Jahre das Gleiche machen ist langweilig"

Seine Figuren hat der 46-Jährige schon seit zehn Jahren in der Schublade gehabt. Eigentlich ist Sebastian Stuertz etwas anderes als Autor: Haupt - und freiberuflich animiert er Grafiken fürs Fernsehen, produziert Musik oder Podcasts. Aber, meint er: "Ich bin nicht der Typ, der 10 der 20 Jahre lang das Gleiche macht. Das ist mir auf die Dauer zu langweilig."  Ein Buch zu schreiben sei ein schon immer ein Kindheitstraum gewesen. Vielleicht wird sogar mal ein Film draus, sagt seine Agentin.

Aber erst mal ist das nächste Buch schon fertig. Es sei nicht ganz so dick wie "der Charlie", etwas mehr als 200 Seiten und eine junge Programmiererin stehe dieses Mal im Zentrum.

Hinweis: Sebastian Stuertz liest auch beim Harbour Front im Debütantensalon.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.08.2020 | 19:00 Uhr

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