Tobias Reußwig hat den Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern gewonnen. © Caroline Barth Foto: Caroline Barth

Greifswald als Literaturhotspot

Stand: 10.11.2020 11:55 Uhr

Nicht nur in der Vergangenheit hat die Hansestadt eine stolze Liste an Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu bieten - auch heute noch existiert dort eine lebendige und höchst erfolgreiche Szene.

von Juliane Voigt

Zu dritten Mal in Folge ist etwa der Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern nach Greifswald gegangen - in diesem Jahr an den Lyriker Tobias Reußwig. Und auch den Publikumspreis hat eine Greifswalderin abgeräumt: Theresa Steigleder. Das alles kann kein Zufall sein.

Auf die Suche nach der Ursache des Erfolgs

Sibylla-Schwarz-Haus droht Verfall.
In diesem Greifswalder Haus wurde die Barocklyrikerin Sybilla Schwarz geboren, die vor 400 Jahren lebte und wirkte.

Sie war vielleicht die erste bekannte Autorin aus Greifswald: Sibylla Schwarz. Im kommenden Jahr feiert die Stadt den 400. Geburtstag der Dichterin, die als junges Mädchen Lyrik und Dramen zu Papier brachte und schon sehr jung gestorben ist. Die Stadt hat darüber hinaus auch große Söhne: Hans Fallada und Wolfgang Koeppen wurden hier geboren. Und heute?

Die Leiterin des Koeppenhauses, Kati Mattutat, beobachtet seit einigen Jahren eine junge und aufstrebende Literatenszene in der Stadt und meint: "Was Schriftstellern hier gut tut, ist bestimmt die kleine Uni, die kleine Stadt und die Nähe zu Leuten, die selber schreiben, die Anbindung an die Uni und an die Dozenten. Zudem gibt es hier viele Möglichkeiten, die viele Studenten auch immer wahrgenommen haben. Sie haben eigene Initiativen gegründet und Lesebühnen oder Poetry Slams organisiert, und so dann ihre Kreise zum Austausch gefunden."

Greifswald vergibt zwei Literaturpreise

Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen, aufgenommen 1982 in Frankfurt am Main. © dpa - Bildarchiv Foto: Dirk Zimmer
Der Greifswalder Schriftsteller Wolfgang Koeppen ist Namensgeber des Koeppenhauses, in dem Veranstaltungen rund um die Literatur stattfinden.

Die Stadt Greifswald vergibt alle zwei Jahre den Wolfgang-Koeppen-Preis. Ausgezeichnet werden Autoren oder Autorinnen mit großem Renommee im deutschsprachigen Raum, die ihre Nachfolger selbst bestimmen können. Kontakte zur Literaturszene vor Ort gibt es da allerdings nicht. Aber dafür hätten sie ja vor ein paar Jahren auch den Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern aus der Taufe gehoben, meint Kati Mattutat. Es sei die Idee gewesen, dass man die Talente vor Ort im Bundesland mit so einem Preis fördere.

Tobias Reußwig aktueller Preisträger

Der Literaturpreis ist seit drei Jahren immer nach Greifswald gegangen. Berit Glanz war Preistägerin 2017, ein Jahr später Slata Roschal und diesmal Tobias Reußwig. Alle drei kennen sich von der Universität. Auch der Lyriker Dirk Uwe Hansen gehört zu dieser Autoren-Familie. Seit mehr als 25 Jahren unterrichtet der Altphilologe griechisch. Außerdem schreibt er Gedichte, die ein Verlag aus Leipzig veröffentlicht.

"Ich staune auch, dass so viele Leute aus Greifswald diesen Preis gewonnen haben. Das erfüllt einen ein bisschen mit lokalpatriotischem Stolz. In Greifswald ist bemerkenswert, dass wir einen sehr offenen und freundschaftlichen Umgang miteinander haben. Das ist vielleicht auch typbedingt, weil wir gerade Glück haben mit den Leuten, die hier aktiv sind. Ich habe nicht das Gefühl, dass man miteinander konkurriert", versucht Hansen den Erfolg zu erklären.

Greifswald bietet Bühnen für (angehende) Literaten

Das Geburtshaus des Schriftstellers Hans Fallada in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). In diesem Haus ist Rudolf Ditzen, so Falladas bürgerlicher Name, am 21.07.1893 geboren worden.  Foto: Stefan Sauer
Das Geburtshaus eines berühmten Sohnes: Auch Hans Fallada stammte aus Greifswald.

Regelmäßig kommen die Greifswalder Schriftsteller zusammen. Lesen sich gegenseitig vor aus ihren Werken, kritisieren und ermutigen. Der aktuelle Preisträger Tobias Reußwig hat während seines Germanistik-Studiums in Greifswald so angefangen, Gedichte zu schreiben. "Die Frage wird öfter mal gestellt: Warum eigentlich Greifswald? Weil sich hier offenbar sehr viele von der Lyrik begeisterte Menschen sammeln", meint Reußwig und fügt hinzu: "Ich bin sicher, es gibt Leute, die unheimlich spannende Texte nur für die Schublade schreiben. Man muss dann auch irgendwann mal in diesen Dunstkreis geraten und sich bei Preisen bewerben, damit man in das Licht der Öffentlichkeit tritt. Aber ich weiß nicht genau, warum das in Greifswald so gut klappt. Vielleicht ist es das Meer, vielleicht mögen Lyriker das Meer."

Publikums-Preisträgerin Steigleder: "Eine Welle, die kommt"

Auch Theresa Steigleder war für den diesjährigen Literaturpreis nominiert. Nur sechs von einhundert eingesendeten Texten hatten es in diese Endrunde geschafft. Für ihre unterhaltsamen Kurzgeschichten bekam die Greifswalderin den Publikumspreis. "Ich sehe das so, dass es noch viel mehr gibt und dass beim Literaturpreis viele nicht auf der Bühne waren, die es aber hier noch gibt und die fantastisch schreiben. Es gibt viel Jugend, die hinterher rutscht. Ich finde es nicht erstaunlich, dass jetzt ein paar Greifswalder den Literaturpreis abgestaubt haben. Ich sehe es als eine Welle, die einfach kommt."

"Das stille Wörtchen": Bühne für den Nachwuchs

Steigleder kennt den Nachwuchs, unterrichtet kreatives Schreiben an Schulen. Vor vier Jahren hat sie mit Freunden "Das stille Wörtchen" gegründet. "'Das stille Wörtchen' ist eine Lesebühne. Da ist quasi eine Couch auf einer Bühne und wir lesen ohne Mikrofon vor einem ganz kleinen Publikum. Die Bühne hatte den Sinn, dass es in Greifswald damals ausschließlich Poetry Slams gab, und die finden mit Bewertungen statt. Um die Bewertungen rauszunehmen und auch jungen Leuten die Chance zu geben, ohne diesen Druck aufzutreten, haben wir das ins Leben gerufen. So kann man ganz früh anfangen und den Leuten mitgeben, dass ihr Schreiben in diese Welt gehört."

Der Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern wird erst in zwei Jahren wieder vergeben. Die Literaten und Literatinnen der "Greifswalder Schule", wie man sie nennen könnte, werden bestimmt wieder dabei sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 10.11.2020 | 19:00 Uhr

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