Stand: 12.08.2019 15:11 Uhr

Eine Männerfreundschaft vor und nach der Wende

Alles richtig gemacht
von Gregor Sander
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Ein warmherziges, humorvolles Buch über eine Freundschaft in einer schicksalsträchtigen Zeit.

Der 1968 in Schwerin geborene Gregor Sander gehört zu den Schriftstellern, die - ehe sie zu schreiben begannen - einige andere Tätigkeiten ausprobiert haben. Er hat als Schlosser und als Krankenpfleger gearbeitet, hat in Rostock ein Medizinstudium begonnen und ist dann zur Germanistik und Philosophie nach Berlin gewechselt. In Rostock spielt nun zum großen Teil sein neuer Roman: "Alles richtig gemacht". Natürlich wird kaum etwas richtig gemacht in diesem turbulenten Roman.

Gregor Sander erzählt die Geschichte einer Freundschaft. Thomas und Daniel lernen sich auf dem Schulhof kennen. Aber es dauert zwei Jahre, bis sie wirklich Freunde werden.

Zwei Freunde, zwei Lebenswege

Daniel ist ein typischer Außenseiter, misstrauisch und gern für sich allein. Thomas ist schon als Schüler und später im Leben sehr viel konventioneller und angepasster. Aber er fühlt sich zu Daniel hingezogen, und irgendwann sind sie dauernd miteinander unterwegs. Mit dem Fahrrad erkunden sie die Umgebung ihrer Heimatstadt Rostock. Thomas stammt aus einer Familie, die zu DDR-Zeiten eine Drogerie betreibt. Als der Familienbetrieb kaum noch überlebensfähig ist, nimmt sich Thomas‘ Vater das Leben. Die mühsam aufrecht gehaltene Fassade von Kempowskis Motto "Uns geht's ja noch gold" ist zerbröckelt. Daniels Mutter hat ebenfalls einen schweren Stand im Leben. Sie zieht ihren Sohn allein groß. Der Vater ihres Kindes war Chefarzt und anderweitig verheiratet. Als sie schwanger wurde, bedeutete das, dass sie in eine andere Stadt musste. Eine wilde, lebenshungrige Frau, eher die große Schwester ihres Sohnes und für Thomas eine höchst reizvolle Frau. Als junge Erwachsene tun Daniel und Thomas alles, wovor Eltern sich fürchten, und suchen überall die Gefahr.

Als sich die Schicksalsrouten entzweien

Daniel geht dabei mehrfach unter. Thomas dagegen wird ein erfolgreicher Anwalt im wiedervereinten Berlin. Er war so schlau, ein großes Haus zu kaufen:

Das hier war die Ostberliner Botschaft von Libyen, als der Revolutionsführer Gaddafi dort noch sein Unwesen trieb. Inzwischen wohnen in den quadratischen Blöcken mit Flachdach überall Leute, auch wenn sie die Häuser nicht so billig gekauft haben wie wir damals. Dreihundertfünfzig Quadratmeter Wohnfläche und tausend Quadratmeter Garten mitten in der Stadt. Leseprobe

Gleichwohl geht es Thomas nicht so gut:

Das muss wieder aufhören, denke ich. Das Saufen, diese Qualmerei, und überhaupt muss das alles wieder ins Lot kommen hier. Leseprobe

Seine Frau ist mit den beiden Töchtern ausgezogen, er befindet sich in einer so üblen Verfassung, dass seine Kanzleipartnerin sagt:

Ich weiß ja nicht, wie schlimm krank du bist, Thomas, und ob eine Woche reicht, aber es wäre gut, wenn du morgen da wärst. Kammergericht geht weiter, und auch sonst wäre es gut. Leseprobe

Ob diese bürgerliche Fassade des Funktionierens in der Familie, im Beruf, in der Gesellschaft nur bröckelt, oder ob alles zusammenfallen wird wie ein Kartenhaus, bleibt offen.

Vorwende-Nostalgie in Rostocks Hafenviertel

Thomas erinnert sich an seine Jugend in Rostock, an die wilden Zeiten der Wende, als Daniels Mutter noch im Hafenviertel von Rostock in einer heruntergekommenen Bude lebte und die Welt nichts kostete außer Mut, sich hinein zu stürzen. Gregor Sander beschreibt das in nüchtern wirkendem Sound, mit dem man zurück in die Erinnerungen gleitet. Aber er versteht es, tief grummelndes Pathos zu wecken. Sorge, Mitgefühl mit den beiden Jungen, mit den Mädchen und Frauen, die sie kennenlernen, die sie lieben. Da ist zum Beispiel die rätselhafte, unnahbare Manne, die mit Thomas und seiner Freundin Kerstin in einer Wohnung lebt. Manchmal hat sie Besuch über Nacht. Morgens fragen die anderen sie, ob noch wer kommt. "War ohne Frühstück" antwortet sie. Und auf Nachfrage: "War auch ohne Diskussion". Dieser staubtrockene, aber seewindumtoste Ton ist eigenwillig schön. Wer die Gegend kennt, wird seine besondere Freude daran haben, etwa Rostock und Heiligendamm zur DDR- und Wendezeit hier noch einmal intensiv zu erleben

Alles richtig gemacht

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Penguin Verlag
Bestellnummer:
978-3-328-60667-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.08.2019 | 12:40 Uhr