Stand: 04.05.2017 13:00 Uhr

Vorgezogene Hochzeitsnacht

von Ulrike Sárkány

Der Engländer Graham Swift ist einer der ganz großen zeitgenössischen Erzähler. Seit er 1996 den Booker Prize für seinen Roman "Letzte Runde" bekommen hat, sind in entspannter Regelmäßigkeit weitere Bücher von ihm erschienen, Romane und Erzählungen, aber da er kaum jemals Interviews gibt oder auf Lesereisen geht, ist er in den Medien wenig präsent. Am 4. Mai hat er seinen 68. Geburtstag gefeiert und nun kommt die deutsche Übersetzung seines jüngsten Romans heraus, der im Original "Mothering Sunday" heißt und auf Deutsch "Ein Festtag". Anmerkung der Redaktion: Der Buchtipp ist Teil eines "Best Of" aus zehn Jahren Gemischtes Doppel am 19. Mai 2020

 

Ein geschenkter Tag

Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es war ein Tag wie im Juni. Es musste kurz nach zwölf Uhr mittags sein. Ein Fenster stand offen und er ging unbekleidet durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer. Da konnte er tun und lassen, was er wollte. Das konnte er. Und sie war noch nie hier gewesen, würde auch nie wieder herkommen.
Auch sie war nackt.
30. März 1924. Vor langer Zeit. Leseprobe

Die ansteckend sinnliche Atmosphäre, die der Text von Anfang an verbreitet, wird schon durch das Modigliani-Titelbild einer nackten jungen Frau, das Buch und Hörbuch ziert, vorweggenommen.

Sie hatte nicht das Laken über sich gezogen. Sie hatte sogar die Hände hinter dem Kopf verschränkt, um ihn besser ansehen zu können. Und er konnte sie ansehen. Leseprobe

Die junge Frau, die diesen herrlichen Festtag der Lust mit ihrem Geliebten verbringt, wird sich noch als Neunzigjährige daran erinnern. Wahrscheinlich weil er ihre große Liebe war - und sie seine. Aber das weiß sie mittags um zwölf noch nicht.

Ein Roman aus Flüstern und Flirren

"Ich habe in meiner Schriftstellerlaufbahn immer wieder erklären müssen, dass meine Fiktionen nicht auf persönlichen Erfahrungen basieren. Es ist Leuten nur schwer begreiflich zu machen, dass die Wahrheit viel mysteriöser und für mich selbst übrigens viel aufregender ist, nämlich etwas fast aus dem Nichts heraus zu erschaffen. Meine Romane und Erzählungen entstehen aus etwas, das dem Nichts sehr nahe kommt: einem Flüstern, einem Flirren, einem Flimmern. Und das sagt mir dann aus irgendeinem unerklärlichen Grund, dass dahinter mehr zu finden, zu entdecken ist", erklärt Swift. "Wie ich die Dinge sehe, sind meine Bücher erträumt, das heißt sie kommen aus etwas sehr Dünnem, Unwirklichem. Und dann ist es immer eine große Überraschung für mich, dass so ein Flüstern, Flimmern, Flirren zu so etwas Präzisem, Kompliziertem und wirklich sehr Spezifischem wird, das wir einen Roman nennen."

Graham Swift schreibt meistens über Menschen unserer Tage, aber in dieser Novelle versetzt er sich und uns zurück in ein englisches Herrenhaus an einem Frühlingssonntag im Jahr 1924, sechs Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Jane Fairchild ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und dann Dienstmädchen bei einem reichen Ehepaar geworden, dessen Söhne im Krieg gefallen sind.

Eine bedeutungsvolle Beziehung

Janes Verhältnis zu Paul Sheringham, dem einzig verbliebenen Erben im Nachbarhaus, begann, als sie fünfzehn war und er nicht viel älter. Zuerst hat er ihr sogar ein paar Münzen zugesteckt für ihre heimlichen Treffen hinter dem Gewächshaus. Jetzt, sieben Jahre später, ist sie zum ersten Mal durch die Vordertür in sein Haus gekommen und hat sein Bett mit ihm geteilt. Seine Eltern sind mit der restlichen feinen Gesellschaft schon zu einem Lunch vorausgefahren, bei dem Pauls baldige Heirat mit der Tochter der anderen Nachbarn gefeiert werden soll.

Da so viele Söhne im Krieg geblieben sind, ist diese Verbindung von übergroßer Bedeutung für die Familien. Aber Paul mag sich gar nicht von Jane trennen. Obwohl er sich verspäten wird, nimmt er sich viel Zeit beim Anziehen und macht sich zurecht, als wäre es schon sein Hochzeitstag.

Dann war er fort. Kein Gruß. Kein alberner Kuss. Nur ein letzter Blick. Als würde er sie in sich aufnehmen, in sich hinein trinken. Und was er ihr zurückließ: das ganze Haus. Er ließ es für sie da. Es gehörte ihr, zu ihrer Unterhaltung. Sie konnte es auf den Kopf stellen, wenn sie wollte. Alles ihres. Und was sollte ein Dienstmädchen tun, wenn es am Muttertag frei bekommen hatte, aber kein Zuhause hatte, wohin es gehen konnte? Leseprobe

Am Ende des Tages wird Jane wissen, dass Paul sie geliebt hat. Und dieser Tag, ein Tag der Ermächtigung sozusagen, wird in ihrer Erinnerung derjenige sein, an dem sie beschloss, Schriftstellerin zu werden. Ein kleines Buch von großer glühender Intensität!

Ein Festtag

von Graham Swift, aus dem Englischen von Susanne Höbel
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Label:
978-3-423-28110-2
Preis:
18,00 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.05.2020 | 10:00 Uhr

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