Stand: 10.06.2019 10:00 Uhr

Eine Ameisenumsiedlerin erzählt

Die fabelhafte Welt der Ameisen
von Christina Grätz und Manuela Kupfer
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Die Autorinnen öffnen den Blick für eine faszinierende Welt.

Es gibt wenige Themen in der Biologie, von denen man durchaus mit Hoffnung für die Zukunft erzählen kann. Erstaunlicherweise gehört das Thema Ameisen dazu. Sie stehen unter Naturschutz und das bedeutet, wenn in Deutschland Häuser gebaut, Autobahnstrecken geplant werden und sich auf dem Gebiet ein Ameisennest befindet, muss es umgesiedelt werden. Christiana Grätz, eine Frau, die diese harte körperliche Arbeit nicht scheut, hat sich mit der Fachredakteurin Manuela Kupfer zusammengetan, um davon zu erzählen: "Die fabelhafte Welt der Ameisen".

Zurzeit leben mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde und ihre Biomasse entspricht vermutlich etwa der Biomasse aller Ameisen, aller Arten, auf allen Kontinenten. Wir brauchen diese Ordnungseinheiten der Natur dringend. Ohne Ameisen läuft nichts. Darum stehen sie eben unter Naturschutz.

Nicht jeder kann Ameisen umsiedeln, das muss erlernt werden

Christina Grätz hat von einem alten, erfahrenen Ameisenumsiedler vor ein paar Jahren ihr Handwerk gelernt. Furchtlos hineingreifen ist die erste Voraussetzung. Sie sagt: "Also wenn wir das Ameisennest umsetzen, tragen wir das Schicht für Schicht ab und packen das in Säcke, die luftdurchlässig sind, damit die Tiere atmen können. Wir kennzeichnen sie auch, damit wir das Nest später in einer bestimmten Reihenfolge wiederaufbauen können. Was viele Menschen nicht wissen ist, dass das eigentliche Ameisennest nur die Spitze vom Eisberg ist."

Das bedeutet, das Nest befindet sich unter der Erde und kann so riesengroß sein, dass viele Hundert Säcke mit Ameisen und Erde gefüllt werden müssen, um es an einen anderen Ort zu versetzen. Christina Grätz hat schon viel erlebt mit diesen kleinen, hochsozialen, bestens organisierten Tieren. Ein Höhepunkt war für sie der Hochzeitsflug, die Begattung der Königin, ein Naturereignis, das in ihrem Leben nur einmal stattfindet: "Das ist schon ein sehr magischer Moment: Die jungen Königinnen werden von den Männchen begattet, verlieren danach ihre Flügel und gehen zurück ins Nest. Sie sind ihr Leben lang befruchtet - sie haben eine "Spermatheka" im Körper, ein Organ, in dem die Spermien über 25 Jahre gespeichert werden. Wenn wieder Eier befruchtet werden müssen, geschieht das mit Spermien aus diesem Organ."

Ameisen sind soziale Wesen und zu großen Leistungen fähig

Ein anderes Erlebnis mit Ameisen hat Christina Grätz ebenfalls tief beeindruckt. Sie hatte ein Ameisennest umgesiedelt, aber danach beschlich sie immer wieder das Gefühl, nicht alle erwischt zu haben. Sie fuhr zurück und entdeckte zusammen mit ihrer Tochter, dass die Ameisen eine eigene Rettungsaktion für die Zurückgebliebenen organisiert hatten - eine Versorgungsstraße.  

Christina Grätz sucht nach Ameisen. © Gütersloher Verlagshaus

Christina Grätz siedelt Ameisen um

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Mit Ameisenvölkern kennt sich die Biologin Christina Grätz prima aus und weiß die spannendsten Geschichten aus der Welt dieser besonderen Krabbeltiere zu erzählen.

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"Die Tiere hatten unterwegs immer wieder kleine Nester gebaut und sind bis zum alten Nest zurückgelaufen", erzählt die Autorin. "Dort haben sie die Zurückgelassenen huckepack genommen und sie ins neue Nest gebracht. Wir sind die Strecke mal abgelaufen: Das waren gut 700 Meter. Die Zwischennester waren Ausruh-Stationen, in denen sie übernachtet haben, denn 700 Meter hin und 700 Meter zurück, das schafft eine Ameise nicht an einem Tag. Das wäre so, als würde ich jemanden bitten, aus München nach Hamburg zu laufen, seine Schwester auf den Rücken zu nehmen und wieder zurückzulaufen."

Eine weitere Frage, die die Forscherin beschäftigte, war: Warum tun die Ameisen das? Das neue Nest hätte auch ohne den Rest der Truppe funktioniert. Es war nicht notwendig für den Arterhalt, die Zurückgebliebenen zu retten. Es muss ein anderes, rätselhaftes Motiv dafür gegeben haben.

Christina Grätz schreibt wunderbar lebendig über Ameisen. Unterfüttert wird das durch allerhand Wissenswertes zum Thema, das ihre Co-Autorin Manuela Kupfer zusammengetragen hat. Nach der Lektüre kann man übrigens auch als naturferner Stadtmensch erstaunlicherweise Ameisen in der Wohnung gelassen ertragen, ohne sie bekämpfen zu wollen. Als Hausgenossen, die nicht weiter stören.

Die fabelhafte Welt der Ameisen

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Gütersloher Verlagshaus
Bestellnummer:
978-3-579-08728-3
Preis:
20,00 €

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Christina Grätz schreibt wunderbar lebendig über Ameisen. Ergänzt wird das Buch durch Wissenswertes zum Thema, das Co-Autorin Manuela Kupfer zusammengetragen hat. Audio (04:29 min)

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