Stand: 05.05.2017 13:39 Uhr  - NDR Kultur

Gerhard Henschel: Zum Sammeln in den Keller

von Joachim Dicks

Bei Gerhard Henschel im Keller sieht es ein bisschen anders aus als in herkömmlichen Untergeschossen. Denn dort sammelt der vor 55 Jahren in Hannover geborene Schriftsteller jeden Zettel, jedes Notat, jedes Bildnis, das irgendwie die Geschichte seiner Familie berührt. Die Familie als Mythos - vor kurzem ist mit "Arbeiterroman" der neueste Band von Henschels Martin Schlosser-Chronik erschienen. Joachim Dicks hat den Autor an seinem Arbeitsplatz, im Keller besucht, einem ja auch nahezu mythischen Ort.

Seit einigen Jahren lebt Gerhard Henschel mit seiner Familie in dem beschaulichen Örtchen Klein Bünstorf, in der Nähe von Bad Bevensen. "Wie so viele Väter bin auch ich im Keller untergebracht", sagt er, und führt seine Gäste hinab in seine Arbeitswelt. Mit mehreren Archivräumen und einer großen Bibliothek.

Fünf Jahre lang schenkte Gerhard Henschel als Jugendlicher seinen Eltern eine Familienzeitschrift mit der Auflage von einem Exemplar. Darin stand dann, ob der Hamster Junge bekommen hat oder wer auf Juist Urlaub gemacht hat. Diese fünf Ausgaben sind dann später wieder in seinen Besitz übergegangen und sind Teil des Archivs. So wie auch sämtliche von ihm in Zeitschriften platzierten Artikel, Aufsätze und Erzählungen. Aber auch Poesiealben der Eltern und Großeltern, alte Zeugnisse, die Pubertätstagebücher der älteren Schwester usw. usf.

Das Archiv als Familientradition

Die Lust am Archivieren und am Sammeln autobiographischen Materials hat Gerhard Henschel aus einer langen Familientradition übernommen. Bereits von seinen Eltern hat er nach ihrem Tod einen sehr ausführlichen Briefwechsel übernehmen, der Grundlage für seinen Roman "Die Liebenden" geworden ist. "Immer wenn jemand stirbt in meiner weitverzweigten Sippe, frage ich, ob ich den schriftlichen Nachlass haben kann. In der Regel bekomme ich ihn auch. Also: Briefe, Postkarten, Terminkalender, Fotoalben und dergleichen." Gerhard Henschel spricht von "Weltkulturerbe". Mehrere hundert Aktenordner umfasst das Archiv inzwischen. 307 sind bereits geordnet und chronologisch sortiert. Der Rest wartet noch auf die Bearbeitung. Darunter finden sich auch ausführliche Briefwechsel z. B. Walter Kempowski, Eckhard Henscheid, Max Goldt, Wolfgang Herrndorf und Kathrin Passig.

Der Schreibtisch seines Großvaters

Das Herzstück seines Archivs bildet die Bibliothek. Darin steht auch der alte Schreibtisch seines Großvaters, an dem Gerhard Henschel vor allem liest. Im 90-Grad-Winkel steht auf einem Beistelltisch, auf dem sein Computer steht, mit dem er inzwischen alles seine Bücher schreibt. Derzeit ist er mit dem achten Martin-Schlosser-Roman beschäftigt, der im Oktober 2018 erscheinen soll. Er heißt "Dorfroman" und erzählt die Jahre 1990 und 1991 und berichtet unter anderem von der Freundschaft mit Kathrin Passig, die er damals kennen gelernt hat. Einen Decknamen bekommt Kathrin Passig ebenso wenig wie Walter Kempowski, Michael Rutschky oder Max Goldt, da es nach Ansicht des Autors albern wäre, allgemein bekannte Personen des öffentlichen Lebens durch Kunstnamen unkenntlich machen zu wollen. Anders ist es bei seinen Freunden und anderen Familienmitgliedern. Er selbst denkt schon darüber nach, wie er Martin Schlosser über sein großes autobiographisches Werk erzählen lassen soll. Möglich, dass der Protagonist dann eben Gerhard Henschel genannt wird. Aber diese Entscheidung muss erst im übernächsten Buch getroffen werden. Bis dahin wird der echte Gerhard Henschel noch manche nächtliche Stunde in seinem Archiv und seiner Schreibstube zugebracht haben.

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NDR Kultur | BücherLeben | 06.05.2017 | 18:00 Uhr

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