Georges Simenon: "Aus den Akten der Agence O" (Cover) © Kampa

Georges Simenon: "Aus den Akten der Agence O"

Stand: 25.11.2020 14:26 Uhr

Beharrlich setzt der Kampa-Verlag in Zürich sein umfangreiches und ehrgeiziges Projekt fort: die Neuausgabe des Gesamtwerks des großen Belgiers Georges Simenon.

von Alexander Solloch

Das riesige Werk des großen Belgiers wurde zwar jahrzehntelang schon vorbildlich vom Diogenes-Verlag betreut; dessen langjähriger Mitarbeiter Daniel Kampa sicherte sich aber vor einigen Jahren die Rechte am deutschsprachigen Simenon und gründete dann seinen eigenen Verlag, wo nun nach und nach viele Neuauflagen, einige Neuübersetzungen und hin wieder auch deutsche Erstausgaben erscheinen. Zum Beispiel dieser Band: "Aus den Akten der Agence O".

Eines der typischsten Gespräche, die man da, wo über Bücher geredet wird, belauschen kann, geht ungefähr so: "Lieben Sie Simenon?" fragt die eine. Und der andere antwortet, mit Brachialgewalt sperrangelweit offene Tore einrennend: "Oh ja, sehr! Vor allem die Non-Maigrets!"

Auch die Geschichten mit Maigrets ehemaligem Assistenten spielen in Paris

Hier haben wir nun also einen Non-Maigret in der Hand, einen Band ohne den beleibten biertrinkenden pfeiferauchenden wortkargen Kommissar, wenn auch die darin versammelten sechs Geschichten im weiteren Sinne doch im verregneten Maigret-Paris spielen.

Zahlreiche Frauen, so wird uns versichert, sind eifersüchtig auf ihre Schwiegermütter. Sie klagen, dass ihre Männer, wenn sie "nach Hause" zurückkehren, aufblühen, was die Ehefrauen verstimmt. Leseprobe

Der große und stabile Torrence war nie in besserer Laune als nach der Rückkehr von "zu Hause". Das Zuhause war für ihn der Ort seiner Anfänge, das Gebäude am Quai des Orfèvres, wo er als Polizeiinspektor fünfzehn Jahre die rechte Hand von Kommissar Maigret gewesen war.

Nun aber ist Torrence mit Émile vermählt und mit Barbet und mit Mademoiselle Berthe, den Mitarbeitern der "Agence O" in Montmartre, einer Privatdetektei, die der alte Maigret-Assistent nach seinem Weggang "von zu Hause", der Polizei also, gegründet hat.

Georges Simenon arbeitet sehr schnell

Schnell wirft Simenon diese Figuren aufs Blatt, schnell wurschteln sie sich durch verzwickte Fälle, schnell muss alles gehen, ganz schnell:

"Ich bin völlig besessen. Ich muss mit meinen Figuren ganz alleine sein. Wenn ich so schnell schreibe, dann nicht, um irgendeinen Rekord aufzustellen, sondern einzig und allein, weil ich sonst den Rhythmus nicht halten könnte. Die Figuren bleiben nur zehn Tage in mir lebendig. Wenn das Schreiben länger dauerte, würde alles in mir verblassen und ich könnte den Roman nicht fertig schreiben", erzählt der Autor.

Nun, im Falle der "Agence O" darf man vermuten, dass es Simenon weniger um Rhythmus ging als um eine gute Einnahmequelle. Die Geschichten schrieb er Ende der 30er-Jahre für die Zeitschrift "Policeroman". Gut und schnell verdientes Geld, das deutet auch Daniel Kampa in seinem schönen Nachwort an.

Die neuen Geschichten bestechen durch Witz, nicht durch Tiefgründigkeit

Was wir hier - im Vergleich zu Simenons großen Romanen - vermissen, ist das tiefe Gespür für die Verstrickungen des Menschen in gesellschaftliche und seelische Nöte, ist das Gefühl, beim Lesen zu verstehen, wie Menschen im 20. Jahrhundert gelebt haben. Was wir stattdessen bekommen, sind Slapstick, Rasanz und Witz.

Witz, der vor allem aus der Kuriosität entsteht, dass Torrence, der angebliche Leiter des Detektivbüros, tatsächlich bloß der Gehilfe des angeblichen Gehilfen Émile ist, der letztlich alle Fälle löst, aber peinlich darauf achtet, all seine brillanten Ideen dem angeblichen Genie von Torrence zuzuschreiben. Der aber ist einfach nur müde, etwa im Gespräch mit dem zwielichtigen Anwalt Duboin:

"Ihr Brief, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann, war eine Bitte. Es war der Brief einer Dame von Welt. Sie werden keine Mühe haben, sie zu finden. Ich muss wissen, warum diese Frau mich in diese überaus zwielichtige Bar bestellte." Leseprobe

Wenn Torrence nur nicht so viel gegessen und nicht so viel Wein getrunken hätte! Was er jetzt bräuchte, wäre eine ausgedehnte Siesta, kein angestrengtes Nachdenken.

Das Nachdenken übernimmt Émile, das können auch die Leser übernehmen. Sie haben hier feinen Stoff zum Raten und Schmunzeln; aber doch eher nichts, was sie irgendwie erschüttern könnte, nichts Abgründiges.

"Lieben Sie also Simenon?" - "Oh ja, sehr! Vor allem die Maigrets!"

 

Weitere Informationen
Der belgische Kriminalautor Georges Simenon. Photographie, ca. 1965. © picture-alliance / Imagno Foto: Anonym

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Aus den Akten der Agence O

von Georges Simenon, aus dem Französischen von Susanne Röckel
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Kampa
Bestellnummer:
978-3-311-12515-0
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.11.2020 | 12:40 Uhr

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