Stand: 21.01.2020 14:22 Uhr

Nun auf Deutsch: George Orwells Essay über Nationalismus

von Alexander Solloch

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs rechnet George Orwell mit seiner Zeit ab: Sein Essay "Über Nationalismus" erscheint im Mai 1945. Von Andreas Wirthensohn übersetzt, erscheint der Text des Autors von "1984" und der "Farm der Tiere" jetzt erstmals in deutscher Sprache. Was hat uns Orwell heute noch zu sagen?

George Orwell: "Über Nationalismus" © dtv
In seinem Essay "Über Nationalismus" versucht Orwell, die menschliche Dummheit, die sich im Nationalismus ausdrückt, zu enträtseln.

Wie ist es überhaupt möglich, dass ein Mensch, dem die Natur doch neben dem Instinkt auch noch den Verstand geschenkt hat, glauben kann, er sei etwas Besonderes? Und das nur, weil er drei Kilometer rechts von einer willkürlich gezogenen Grenze zur Welt gekommen ist, während die links davon als die ganz und gar Abzulehnenden anzusehen sind. Lässt sich die menschliche Dummheit, die sich im Nationalismus ausdrückt, enträtseln?

Orwell unterscheidet zwischen Nationalismus und Patriotismus

Mit "Nationalismus" meine ich zunächst einmal die verbreitete Annahme, dass sich Menschen wie Insekten klassifizieren lassen und ganze Gruppen von Millionen oder Abermillionen Menschen mit dem Etikett "gut" oder "böse" belegt werden können. Zweitens meine ich damit die Angewohnheit, sich mit einer einzigen Nation oder einer anderen Einheit zu identifizieren, diese jenseits von Gut und Böse zu verorten und keine andere Pflicht anzuerkennen als die, deren Interessen zu befördern. Nationalismus ist nicht zu verwechseln mit Patriotismus. Leseprobe

Diese Erkenntnis unmittelbar nach dem Sieg über Hitler-Deutschland einmal aufzuschreiben, war gewiss triftig und notwendig. Doch sind uns diese Erkenntnisse mit Verlaub ein paar Mal zu oft schon in Helmut-Kohl-Sonntagsreden präsentiert worden, als dass sie uns heute noch vom Hocker reißen könnten. Dass Nationalismus verwerflich ist und dass man das Trostpflaster "Patriotismus" erfunden hat für die, die sich trotzdem zwischendurch gern mal ein bisschen national aufgewallt fühlen mögen, ohne indes anderen zu sehr zu schaden, um diese Tatsache braucht man heute keinen Diskurs mehr herumzuschlängeln.

Der Nationalist besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, jene Gräueltaten, die von der eigenen Seite begangen wurden, nicht nur nicht zu missbilligen, sondern sie zudem zu überhören. Gut sechs Jahre lang schafften es die englischen Bewunderer Hitlers, nichts von der Existenz von Dachau und Buchenwald zu erfahren. Diejenigen, die sich am lautesten über die deutschen Konzentrationslager empören, sind sich oft gar nicht oder nur sehr schwach bewusst, dass es auch in Russland Konzentrationslager gibt. Leseprobe

"Über Nationalismus" trägt nicht zum Verständnis bei

Der Verlag bewirbt diesen Text mit der Behauptung, er trage zum Verständnis derzeitiger kulturkämpferischer Auseinandersetzungen bei. Es ist nicht falsch, historische Dokumente zu lesen, sie machen einen immer auch in der Gegenwart schlauer, doch bleiben sie alles in allem eins: historisch. Mit den Trotzkisten und Stalinisten und selbst mit den englischen Tories der 40er-Jahre müssen wir uns heute, anders als Orwell, nicht mehr herumschlagen.

So belohnt uns die Lektüre, die in einer knappen Stunde zu erledigen ist, wohl doch eher nicht mit einem umfassenden Verständnis unserer aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen, aber immerhin mit zwei Erkenntnissen. Zum einen, dass letztlich auch dem Nationalismus unserer Tage nichts Neues, kein origineller Gedanke, anhaftet. Er ist nichts als stumpfe Nostalgie. Und, zweitens: dass Orwell, der meist sehr zurückgenommen schrieb, auch ein herrlicher Polemiker sein konnte:

Nun habe ich die ganze Zeit davon gesprochen, der Nationalist tue dieses oder jenes, und zu Illustrationszwecken den extremen Typ des Nationalisten beschrieben, der in seinem Kopf keine neutralen Bereiche kennt und sich einzig für den Kampf um die Macht interessiert. Tatsächlich sind solche Leute gang und gäbe, aber sie sind keinen Schuss Pulver wert. Im wirklichen Leben müssen Lord Elton, Ezra Pound, Lord Vansittard und der gesamte Rest ihrer widerwärtigen Sippschaft bekämpft werden, aber auf ihre intellektuellen Defizite muss man nicht näher eingehen. Die Tatsache, dass kein Nationalist der bigotteren Art ein Buch verfassen kann, das auch nach ein paar Jahren noch lesenswert ist, hat einen gewissen desodorierenden Effekt. Leseprobe

Armin Nassehis Nachwort bringt keine neuen Erkenntnisse

Weil dieser Text - selbst großzügig gedruckt - nicht einmal 50 Buchseiten ergibt, ist ihm noch ein Nachwort von Armin Nassehi beigefügt, in dem der Soziologe noch einmal nacherzählt, was man gerade schon gelesen hat. Immerhin schafft er es in einem leicht aktualisierungsneurotischen Abschnitt, den Nationalismus, von dem Orwell einst sprach, mit den heutigen "Klimaprotesten" in Verbindung zu bringen.

Das kann man inspirierend finden oder bemüht oder grotesk, aber die eine entscheidende Frage beantwortet Nassehi, genau wie das ganze Buch, nicht: Warum verschreiben sich auch heute noch Menschen einer Sache, die immer nur Leid gebracht hat und immer nur Leid bringen wird?

Über Nationalismus

von George Orwell, aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
Seitenzahl:
64 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
mit einem Nachwort von Armin Nassehi
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-14737-8
Preis:
8,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.01.2020 | 12:40 Uhr

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