Stand: 01.04.2020 16:15 Uhr

"Vorleben": Krimi über einen furchtbaren Verdacht

von Stefan Maelck
Georg M. Oswald: "Vorleben" © Piper
Wieder ein äußerst spannendes Buch des Juristen Georg M. Oswald.

Der Schriftsteller Georg M. Oswald, Jahrgang 1963, ist hauptberuflich Anwalt in München. Wer aber deshalb sagt, er sei nebenberuflich Schriftsteller, würde sein Talent geradezu maßlos unterschätzen. Oswalds Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, den Durchbruch erlangte er mit dem Roman "Alles, was zählt". Schon Oswalds sechsten Roman "Vom Geist der Gesetze" konnte man als Krimi lesen, danach hat er einen waschechten Krimi vorgelegt: "Unter Feinden". Nachdem er von 2013 bis 2016 den Berlin Verlag geleitet hatte, kehrte er als Autor mit dem Roman "Alle, die du liebst" zurück. Nun, nach einem Buch über das Grundgesetz, erscheint sein neuer Roman "Vorleben".

Scheitern steht im Mittelpunkt

Bei Georg M. Oswald geht es immer um alle und alles und vor allem geht es ums Scheitern. Wenn wir uns an "Alles, was zählt" erinnern, hier scheitert ein Karrierist in einer Welt des Profits im 21. Jahrhundert, in "Unter Feinden" führte Oswald bereits 2012 gescheiterte Integration in einem Münchner Problemviertel vor und nun - im neuen Roman "Vorleben" - geht es um das Scheitern der Liebe.

Warum schöpft man Verdacht gegen jemanden, den man liebt? Und ab wann? Und wenn man es tut, warum folgt man diesem Verdacht? Fragen wie diese stellten sich Sophia Winter seit einigen Tagen. Seit der Mann, den sie in Gedanken ihren Mann nannte, verreist war. Sie nannte ihn so, obwohl sie nicht verheiratet waren und obwohl sie nicht wusste, ob sie es jemals sein würden. Es war nicht ausgeschlossen, dass es einmal so käme, aber sie hatten noch nicht darüber gesprochen. Leseprobe

Der Roman beginnt geheimnisvoll

Die Eröffnung benennt schon frontal den Konflikt und schafft sofort eine geheimnisvolle Atmosphäre: Sophia ist 38, die besten Auftragsjahre als freie Journalistin liegen hinter hier, sie wohnt in Berlin in einer WG und reist nach München, um für das Staatliche Sinfonieorchester das Programmheft zu verfassen.

Dafür muss sie zunächst die Musiker begleiten, weil sie sich mit klassischer Musik nicht auskennt. Sie begegnet dem Cellisten Daniel, 48, die beiden verlieben sich, Sophia kündigt die ungeliebte WG und zieht zu Daniel ins vornehme Münchner Glockenbachviertel. Schnell entwickelt Sophia Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem international erfolgreichen Daniel.

Vielleicht sollte sie sich nicht mit der Frage abmühen, warum sie sich ineinander verliebt hatten ... Wie wäre es mit: Journalistin auf dem absteigenden Ast, in einer allgemeinen Lebenskrise befindlich, um das schöne Wort einer Therapeutin aufzugreifen, die sie einmal und nie wieder besucht hatte, verliebt sich in einen Mann, der alles hat, was sie vermeintlich oder tatsächlich entbehrt: Geld, Talent, eine luxuriöse Wohnung, Erfolg, Ruhm, eine Mitte, eine Aufgabe, etwas, das ihn begeistert. Nur konnte sie das bei ihrer ersten Begegnung alles noch nicht gewusst haben. Leseprobe

Misstrauen weckt das Foto einer Unbekannten

Sophia beschließt, unterstützt von Daniel, einen Roman zu schreiben über eine Liebesgeschichte mit offenem Ende. Das Projekt wird zum Roman über Sophia und Daniel, gerät aber schnell ins Stocken - genau wie die Beziehung. Daniel ist viel auf Reisen und Sophia beginnt in seinen Fotoalben zu blättern. Dort stößt sie auf das Gesicht einer Frau, die sie glaubt, schon einmal gesehen zu haben.

Im Stadtführer für Eingeborene findet Sophia heraus, um wen es sich handelt: Nadja Perlmann, die 1989 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Ihre Leiche wurde damals in Einzelteile zerstückelt aufgefunden. Sophia ist verunsichert. Was hat Daniel mit dieser Geschichte zu tun?

Mysteriöser Mord an einer Frau

Es gäbe eine einfache Möglichkeit, das herauszufinden. Sie musste nur einfach den Reiseführer für Eingeborene wie zufällig, aber gut sichtbar in der Wohnung herumliegen lassen, oder ihn vielleicht neben Daniel im Bett lesen. Sie konnte ihm sogar vorspielen, auf die Geschichte von Nadja Perlmann zu stoßen, sie ihm vorlesen. Furchterregend genug war sie ja. Dabei konnte sie so tun, als hege sie keinerlei Verdacht, vermute sie keinerlei Verbindung zu ihm. Wie falsch und verlogen wäre das? Leseprobe

Sophia beginnt schließlich in Daniels Tagebüchern zu lesen. Sie betrachtet sein Schweigen als Vertrauensbruch und ist sich zugleich dessen bewusst, selbst einen zu begehen. Soll Sophia ihre Beziehung für die Wahrheit gefährden oder schweigen?

Die Frage nach der Moral ist, wie immer bei Georg M. Oswald, keine eindimensionale, die so leicht zu beantworten wäre. So schwebt die Vergangenheit über der Gegenwart des jungen Paares wie ein Damoklesschwert. Oswald erzählt dabei dicht und poetisch, spannend und geheimnisvoll zugleich: "Vorleben" hat eine Sogkraft, wie man sie sonst nur aus den besten Romanen von Paul Auster kennt - was das Aus-der-Hand-Legen des Romans unmöglich macht.

Vorleben

von Georg M. Oswald
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05567-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.04.2020 | 12:40 Uhr

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