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Clemens J. Setz: "Ich hoffe, der Weg ist noch nicht zu Ende"

Stand: 21.07.2021 08:00 Uhr

Clemens Johann Setz ist mit dem Georg-Büchner-Preis 2021 ausgezeichnet worden. Mit seinen Romanen und Erzählungen erkunde der österreichische Schriftsteller "immer wieder menschliche Grenzbereiche", so die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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Herr Setz, Sie haben bereits wichtige Literaturpreise bekommen: Literaturpreis der Stadt Bremen (2010); Preis der Leipziger Buchmesse (2011), Wilhelm-Raabe Literaturpreis (2015), Kleist-Preis (2020). Das sind längst nicht alle Auszeichnungen. Hatten Sie den Büchner-Preis schon ins Auge gefasst? Hätten Sie damit gerechnet?

Clemens Johann Setz: Nein, tatsächlich nicht. Aber Sie haben recht, dass ich viel Glück hatte mit Preisen in den letzten Jahren. Aber an den Büchner-Preis habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich hätte eher erwartet, dass es jemand ist, der älter ist und viel länger publiziert. Man ist natürlich ein bisschen verlegen, wenn man die eigene Preiswürdigkeit kommentieren soll. Es bleibt einem immer ein Rätsel, wie das ist.

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Früher waren Büchner-Preisträger nicht selten eher jung: Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson, Peter Handke, Thomas Bernhard - alle um Ende 30, Anfang 40. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Elke Erb zum Beispiel, Jahrgang 1938, bekam den Preis im letzten Jahr. Nehmen Sie das für sich selbst bewusst wahr, dass jetzt eine neue Generation in der Literatur ihren Platz findet?

Setz: Das mag sein. Ich weiß nicht, ob das eine Rolle gespielt hat bei der Jury. Das freut mich schon. Ich hoffe, dass ich mich nicht durch Unreife, die ich mit 38 durchaus noch haben kann, nachträglich als besonders unwürdig erweise. Und ich hoffe, der Weg ist noch nicht zu Ende.

Sie haben Ihren Debütroman "Söhne und Planeten" 2007 veröffentlicht. Den Preis der Leipziger Buchmesse erhielten Sie für "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes". "Vogelstraußtrompete" heißt Ihr Gedichtband. Im letzten Jahr erschien "Die Bienen und das Unsichtbare" - spannend, weil Sie versucht haben, selbst eine Sprache zu entwickeln. Was hat Sie daran gereizt?

Setz: Es beginnt mit Jahren, wo ich mich nur gewundert habe. Es gibt dieses seltsame Phänomen, dass nicht wenige Menschen in der Geschichte eine eigene Sprache erfunden haben und dann andere Leute dazu überredet haben, die zu erlernen. Da findet man eine Sprache gut, ein interessantes Hobby, das seltsam ist. Aber dann auch noch einen Feldzug zu starten, dass man viele Sprecher für die Sprache findet - das ist auch seltsam. Dann kommt noch dazu, dass in vielen dieser erfundenen Sprachen wie Volapük, Klingonisch oder Esperanto Literatur entstanden ist. Darüber habe ich mich einige Jahre gewundert und begonnen, das ein bisschen zu lernen. Ich habe mich vor allem mit den Geschichten der Menschen beschäftigt, die die Sprachen erfunden haben oder die Literatur darin verfasst haben. Und dann bin ich auf eine Goldgrube an unglaublichen Lebensgeschichten gestoßen. Da war dann völlig klar, dass man das erzählen muss: Das muss man aufbereiten, festhalten und mitteilen. Diese Geschichten hatten so ein eigentümliches Leuchten.

Mit Sprache die Welt, die Menschen verstehen zu wollen - das ist ein tief verwurzelter philosophischer Ansatz. Sinnsuche, Orientierungslosigkeit - auch das sind ganz stark Ihre Themen. Ist das richtig?

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Setz: Ich glaube schon. Jedes Buch beginnt mit einer Unklarheit. Eins meiner großen Vorbilder, der amerikanische Autor Dennis Cooper - ich bin bei weitem nicht so radikal wie er -, hat mal gesagt: "I love confusion, it's my favourite thing." Er wünscht sich wahrscheinlich nicht wirklich einen Zustand fortwährender Verwirrung, aber er meint, dass das wahrscheinlich das Fruchtbarste für ihn als Inspiration ist. Und das ist es für mich eindeutig auch. Nicht zu verstehen, warum jemand etwas gemacht hat, warum eine erfundene Figur so handelt, wie sie handelt, was ein gewisser Text bedeutet, warum eine Gesellschaft sich so und nicht anders verhält. Das sind immer die zündenden Dinge. Die könnten auch dazu führen, dass man reinen Journalismus macht. Es ist bei mir aber doch noch etwas anderes dabei: Es soll diesen schönen Effekt bilden, diese telepathische Übertragung von sinnlichen Gedanken, von komplexen Dingen.

Georg Büchner war ein Sprachgenie, mit 23 Jahren viel zu jung gestorben. Was verbinden Sie mit Büchner? Sie werden sich bei der Preisverleihung im November sicher dazu äußern. Haben Sie heute schon eine Idee?

Setz: Er ist sicherlich einer der Autoren, den ich am häufigsten und am intensivsten gelesen habe. Er hat leider kein sehr umfangreiches Werk. Er hätte sicherlich weiter geschrieben und hätte sich immer wieder auch politisch betätigt. Er war ein sehr entflammbarer, ein sehr reger Geist, auch sehr angstlos. Er hat diese schöne Mischung in seinem Werk. Es ist sehr einladend für jeden, der das gründlich studieren will. Man kann Dokumente und Gerichtsgutachten studieren, man kann sehen, wo er sich inspiriert hat und wie er das gebaut hat. Und zugleich ist es vollkommen mysteriös, wie er zu dem Endergebnis kommt, zu diesem goldenen Klang, zu dieser Perfektion im "Lenz". Es hat so etwas absolut Gehirngemäßes, es geht direkt in die Gedanken. Man merkt nicht, dass man diese Prosa liest. Gerade weil die Sätze nicht immer vollständig sind.

Die Erzählung ist oft sehr weitausholend, und knapp besetzt. Er verletzt ganz viele Regeln, und es ist wie so eine Gehirnstimme, die man direkt absorbiert. Oder die Dialoge in "Woyzeck" und das Verwenden von regional-dialektalen Ausdrücken, die extrem starke, originelle, poetische Effekte erzeugen. Er war auch ein Dichter, der seine Figuren auch stammeln lassen konnte, dieses Vor-sich-her-Murmeln eines Wortes, und es ist ein Wort, das so perfekt wirkt. Man kann nicht erklären, wie man dazu kommt. Man steht nur staunend vor dem Ergebnis. Sein Werk ist sehr einladend - "studier mich, ich bin sehr reich." Und auf der anderen Seite kommt man nie ganz auf den Grund dieses Geheimnisses. Das finde ich schön, weil es bleibt.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.07.2021 | 18:00 Uhr

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