Stand: 09.07.2018 14:44 Uhr

"Schwer sich vorzustellen, wie viele Ängste ich habe"

von Mirko Schwanitz

In ihrem Heimatland ist die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk keine Unbekannte mehr. Längst hat sie sich dort neben Autoren wie Juri Andruchowytsch, Andrej Kurkow, Serhij Zhadan oder Oksana Sabuschko etabliert. Im deutschen Sprachraum scheint sie es schwerer zu haben, dabei ist sie mit ihrer lakonischen, stets auf den Punkt kommenden Sprache eine Entdeckung. Nun ist Tanja Maljartschuk die Überraschungssiegerin des diesjährigen Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt.

"Hätte Petro Kinder, würden sie ihn vielleicht fragen, wie er zu seinem Beruf gekommen ist. Kinder idealisieren gerne, solange sie nicht selbst arbeiten müssen. 'Ich möchte Polizist werden', sagen sie verträumt, oder Ballerina, oder Ärztin, oder Astronaut. Niemand sagt: 'Ich möchte Müllmann werden.'" Leseprobe

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Tanja Maljartschuk wird 1983 in der Sojetunion geboren.

So begann die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk ihren Text "Frösche im Meer" über den Flüchtling Petro, der sich in eine demente alte Dame verliebt und fast alles verliert, außer seiner Empathiefähigkeit. Die Juroren, die am Ende mit Mehrheit für diesen Text votierten, zeigten sich überrascht.

Umbrüche unmittelbar erlebt

Die Überraschung der Juroren erstaunt, denn Tanja Maljartschuk hat sich bereits in ihren ersten beiden ins Deutsche übersetzten Büchern als meisterhafte Erzählerin erwiesen. Ob in ihrem Erzählband "Neunprozentiger Haushaltsessig" oder ihrem grandiosen Roman "Biografie eines zufälligen Wunders" - immer beschäftigte sie sich mit Randfiguren und der zunehmenden Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft. Sie selbst hat die Entwurzelung von Menschen in den schweren Jahren des Umbruchs in ihrer eigenen Heimat erlebt - in der Ukraine, dem Land, aus dem Petro stammt; der Held ihres in Klagenfurt vorgetragenen Textes.

"Natürlich entwickelte sich in diesen Jahren des Umbruchs auch in mir eine Gleichgültigkeit, weil die Reizüberflutung einfach zu groß war", stellt Tanja Maljartschuk fest und fährt fort: "Man stumpft automatisch ab, wenn man zu viel Elend sieht. Auch ich musste manchmal wegschauen, weil ich es einfach nicht ertrug. Wie etwa bei dem Jungen, der in einer Metrostation bettelte. Er hat keine Beine, steht dort auf seinen Knien und die Knie sind angeschwollen. Ich sah, wie er ein Knie hob und das darunterliegende Geld jemandem gab. Jemandem, der ihn wahrscheinlich als Sklaven benutzt."

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Ängstlich in die Zukunft schauend

Aufgewachsen ist Tanja Maljartschuk in Ivano-Frankivsk, einer Stadt, die erstaunlich viele Autoren hervorbrachte: Juri Andruchowytsch, Sofia Andruchowytsch, Taras Prochasko und andere. Die mit der inzwischen fast in Vergessenheit geratenen Orangenen Revolution verbundenen Hoffnungen erlebte sie in Kiew. Sie selbst aber sieht zu dieser Zeit eher ängstlich in die Zukunft.

"Es ist schwer sich vorzustellen, wie viele Ängste ich habe", beschreibt Tanja Maljartschuk ihr Inneres: "Das fängt an bei meiner Angst vor Tieren an und hört auf bei meiner Angst vor Menschen. Vor allem aber ängstige ich mich vor etwas Unmenschlichem, man könnte es auch das Übernatürliche nennen. Und am meisten Angst habe ich, irgendwann zu erkennen, dass es dieses übernatürlich Unmenschliche wirklich gibt."

Poetische und trotzdem präzise Sprache

Schreibend kämpft diese Autorin seit Jahren gegen die Abstumpfung in sich selbst, erkämpft sich mit jedem Text die eigene Empathie aufs neue, als könne sie in dieser Welt nur so überleben. Wer ihre bisherigen Bücher gelesen hat, erkennt auch in "Frösche im Meer" ihre schwebend poetische und dennoch so klare, präzise Sprache. Der neue Text handelt von Menschen wie ihr. Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und einen Neuanfang in der Fremde wagen.

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Der Siegertext "Frösche im Meer"

Hier finden Sie den Siegertext "Frösche im Meer" - zum Lesen und Ausdrucken. Mit ihm gewann Tanja Maljartschuk den Ingeborg-Bachmann-Preis 2018. extern

Tanja Maljartschuk lebt inzwischen in Wien und schreibt auf Deutsch. Anders als ihre literarische Figur Petro hat sie es geschafft. Mit dem Gewinn des Bachmann-Preises 2018 ist eine Autorin endlich sichtbar geworden, die man im Literaturbetrieb bereits viel zu lange übersehen hat.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 09.07.2018 | 18:40 Uhr

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