Tsitsi Dangarembga © picture alliance / ASSOCIATED PRESS Foto: Tsvangirayi Mukwazhi

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Wer ist Tsitsi Dangarembga?

Stand: 21.06.2021 16:26 Uhr

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an die simbabwische Autorin, Aktivistin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga. Ein Gespräch mit der Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität Ethel Matala.

Tsitsi Dangarembga © picture alliance / ASSOCIATED PRESS Foto: Tsvangirayi Mukwazhi
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Frau Matala, Sie gehören zum Stiftungsrat. Warum haben Sie sich für Tsitsi Dangarembga entschieden?

Ethel Matala: Wir haben uns für Tsitsi Dangarembga entschieden, weil sie zu den Künstlerinnen gehört, die an der Systemrelevanz von Literatur, von Kultur überhaupt keinen Zweifel aufkommen lassen. Tsitsi Dangarembga lebt und schreibt in Afrika, sie hat ihr Publikum aber seit gut drei Jahrzehnten in der ganzen Welt. Das hängt, glaube ich, zusammen mit der emanzipatorischen Werft, die man gerade den deutschen Titeln ihrer Bücher ablesen kann. Das erste ist 2019 unter dem Titel "Aufbrechen" erschienen, das jüngste wird im September in den Handel kommen - der Titel lautet "Überleben". Der Verlag hat das interessanterweise so geschrieben, dass das "Über" kursiviert ist und man den Titel doppelt lesen kann: Einerseits als ein Indiz für die Existenzkämpfe der Protagonistin; es ist aber auch ein Buch über das Leben und über das, was menschenwürdiges Leben heißt. Das haben wir in diesem Jahr bedingt durch die Corona-Pandemie sehr stark unter Gesundheitsfragen thematisiert - bei Tsitsi Dangarembga rückt etwas anderes in den Vordergrund, nämlich die Chancengleichheit und die damit verbundenen Kämpfe um Freiheit und Gerechtigkeit, auch gegen Alltagsrassismus. Das sind Probleme, die sie in ihren Romanen am postkolonialen Afrika diskutiert, aber die einen globalen Resonanzraum haben und weltweit akut sind. Das war uns in diesem Jahr besonders wichtig.

Welche Akzente setzt Dangarembga in ihrem literarischen Werk?

Matala: Ganz entscheidend ist bei den Büchern die Tatsache, dass sie den Lebensweg einer Protagonistin verfolgt, einer jungen Frau, die schon im Zentrum des ersten Romans "Aufbrechen" steht. Es geht um die junge Tamba, die in einer Großfamilie im Dorf aufwächst und damit als jemand, der nicht vorgesehen ist, überhaupt Bildungschancen zu erhalten. Die Familie muss sparen, deswegen wird das Schulgeld, das man aufbringen muss, für den Bruder reserviert. Das ärgert sie, weil sie genau weiß, dass sie intelligenter ist als ihr Bruder und mit der eröffneten Chance mehr anfangen kann. Nur ein Zufall, nämlich die Tatsache, dass dieser Bruder an einer nicht weiter ausgeführten Krankheit stirbt, führt dazu, dass sie eine Chance erhält, die ihr sonst gar nicht zugekommen wäre. Sie ist eine ungeheuer willensstarke, zähe und couragierte Frau, die von da an ihren Weg in die Stadt macht und einerseits die Welt, die sich ihr eröffnet, sehr begeistert aufnimmt, aber dann auch sehr schnell merkt, dass sie trotz der gewonnenen Bildung an Grenzen stößt.

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Tsitsi Dangarembga © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Tsvangirayi Mukwazhi

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In der Trilogie verfolgt Tsitsi Dangarembga den Weg dieser jungen Protagonistin weiter und verflicht damit auch die Geschichte des Landes aus der Zeit der britischen Kolonie Südrhodesien in die Unabhängigkeit und schließlich in ein postkoloniales Dasein, wo sich Tamba im mittleren Alter wiederfindet. Die ersten Romane sind in einer Ich-Perspektive geschrieben, geben uns also auch die Möglichkeit, an ihrem an ihrem Denken teilzuhaben und mitzubekommen, was sie nicht wahrhaben will. Den letzten Roman hat Tsitsi Dangarembga in einer Du-Perspektive geschrieben, und man merkt, dass die Identifikation mit der Protagonisten nicht mehr ohne weiteres möglich ist. Mit dem Du wird uns auch eine Übernahme der Erzählperspektive für uns selbst angetragen. Das ist ausgesprochen packend, direkt erzählt und so, dass man die Konflikte, die diese junge Frau mit sich austrägt, sehr mühelos verknüpfen kann mit Fragen, die uns hier auch beschäftigen: Verhältnisse von Tradition und Moderne, von Stadt und Land, aber vor allen Dingen auch von Mann und Frau, von Schwarz und Weiß.

Unterdrückungsmechanismen, Rassismus, Kolonialismus - Themen, die auch in Deutschland im Gesellschaftsdiskurs immer wichtiger werden. Will der Stiftungsrat mit dem Friedenspreis 2021 auch einen Akzent setzen?

Matala: Auf jeden Fall. Auch einen Akzent, der dahingeht, mit den Akteuren aus Afrika zu sprechen und nicht nur über sie.

Dangarembga schreibt nicht nur über diese Themen, sie will auch politisch etwas bewegen und macht das, indem sie sich als Aktivistin hartnäckig und konsequent für die Rechte der Frauen in Simbabwe, aber auch gegen die Korruption im Land einsetzt. Wie macht sie das?

Matala: Sie ist ungeheuer aktiv. Nachdem sie zeitweilig auch in Deutschland gelebt und an meiner Universität studiert und promoviert hat, hat sich 2000 entschlossen, in Simbabwe mit ihrer Familie zu leben und dort Freiräume, Artikulationsräume vor allen Dingen für Künstlerinnen aufzutun. Sie hat sich sehr stark engagiert, ein Filmfestival für Frauen zu begründen, sie hat eine Vernetzungsinitiative für Frauen gestartet und hat sich zum Beispiel auch im National AIDS Council engagiert. Das ist deshalb wichtig, weil sie mit dem Film "Everyone's Child", den sie schon in den 90er-Jahren gedreht hat, auf die Situation der AIDS-Waisen in ihrem Land aufmerksam machte. Simbabwe ist eines der Länder mit der höchsten HIV-Infektionsquote, und dieses Engagement hat sie dann fortgeführt.

Im vergangenen Jahr war sie eine derjenigen, die sich nicht zuletzt mit der Reputation, die sie als Schriftstellerin, als Künstlerin erworben hat, stark gemacht hat für die kleiner werdende Opposition. Sie ist eine der wenigen gewesen, die auf die Straße gegangen sind, gegen Korruption, gegen die unredliche Verwaltung von Geldern, die eigentlich zur Bekämpfung der Covid19-Pandemie vorgesehen waren. Sie hat dafür in Kauf genommen, verhaftet zu werden.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.06.2021 | 18:00 Uhr

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