Stand: 14.04.2016 11:00 Uhr

Ein Revolutionär der Modefotografie

von Silke Lahmann-Lammert

Der Mode- und Porträtfotograf Frank Horvat ist am 21. Oktober im Alter von 92 Jahren gestorben. Im April 2016 haben wir sein Buch "Please don't Smile" vorgestellt.

Egal, wo auf der Welt sich eine Kamera auf ein Gesicht richtet, folgen die Worte: "Bitte lächeln!" Umso irritierender, dass Frank Horvat seinen jüngsten Fotoband "Please don't smile" genannt hat - bitte nicht lächeln. Aber der Italiener, der neben Helmut Newton und Guy Bourdin zu den wichtigsten Modefotografen der French Vogue gehörte, ging schon immer einen anderen Weg als seine Kollegen. Vielleicht ist der Titel auch als ironische Aufforderung zu verstehen, über die - oft sehr komischen - Bilder von Frank Horvat "bitte auf keinen Fall zu schmunzeln".

Der Fotograf mag seine berühmteste Aufnahme nicht

Fünf Männer in Frack und Zylinder blicken durch ihre Ferngläser. Vermutlich auf eine Pferderennbahn. Dabei steht die eigentliche Sensation genau vor ihnen: Eine Frau mit einem spektakulären Hut. Ganz in weiß schmiegt sich die Kappe an ihren Kopf. Gekrönt von einer Schleife, die in einer Traube zarter Stoffblüten bis über das linke Ohr fließt. Ein hoher Schalkragen bedeckt Kinn und Mund der Schönen. Frei bleiben nur ihre Augen: groß, ausdrucksstark und gerahmt von einem Lidstrich im Stil Maria Callas.

Frank Horvat hat den Givenchy-Hut 1958 für die Modezeitschrift "Jardin des Modes" fotografiert. Seine berühmteste Aufnahme, vermutet der 87-Jährige. Das Bild habe ihm mehr Geld eingebracht als alle anderen zusammen. "Und es ist ein Bild, das ich nicht besonders mag. Erstens, weil man (…) mir befohlen hat, es zu machen. Der Art Director machte eine kleine Zeichnung und sagte, das will ich. (…) Ich kann es nicht mehr sehen."

Eine neue Idee - Modefotos auf der Straße

Mitte der 1950er-Jahre hat er noch kein Studio und macht etwas, was damals revolutionär ist. Horvat geht auf die Straße. Er fotografiert die Models in der Métro, zwischen den Gästen einer Pariser Bar, auf einem Bauernhof in der Auvergne. Szenen voller Leben - und zuweilen bizarrer Komik. Da posiert ein Mädchen - in hauchdünnem Kleid und Stöckelschuhen - neben leeren Obstkisten und Gemüseabfällen des Pariser Großmarktes "Les Halles". Tapfer lächelt das Mannequin gegen die Kälte an. Ein Versuch, den die dick eingemummten Marktfrauen mit unverhohlenem Feixen quittieren. Ihre Männer recken die Hälse.

"Eigentlich habe ich mich Jahrzehnte lang für meine Modebilder geschämt. Weil es die Botschaft von irgendeinem Fabrikanten und nicht meine eigene war. (…) Kurz gesagt: Modefotografie war eine Art Prostitution", findet Horvat.

Wahrhaftigkeit und Konzentration

Nichts hasst Horvat mehr als zugeschminkte Gesichter, die in künstlichem Lächeln erstarren. Wenn er kann, wählt er seine Models selbst. Ihm ist es wichtig, dass die Frauen die gestellten Szenen mit eigenen Erfahrungen füllen. Ähnlich wie Schauspielerinnen, die sich voll und ganz in ihre Rollen einfühlen. Das gibt den Fotos eine Wahrhaftigkeit.

Ebenso wie alles Affektierte verabscheut er Lärm. In seinem Studio herrschen Ruhe und Konzentration. Für die Sorte Fotograf, die Antonioni in seinem Film "Blow Up" darstellt, hat Horvat nur Spott übrig. "Diese Situation, in der man ein bisschen vögelt und ein bisschen knipst und dann wieder vögelt - so war es nicht. Nicht dass ich das nicht gewollt hätte, aber es kam nicht in Frage. Dann wäre das Bild nicht gelungen."

Anspielungen auf Filmszenen

Die Fotos für sein Buch "Please don't smile" hat der 87-Jährige selbst ausgewählt. Es sind seine besten Bilder. Aufnahmen, die bis heute Gnade finden vor seinem gnadenlosen Blick. Darunter die legendären Fotos, auf denen Horvat Filmszenen von Hitchcock nachempfindet. Oder Gemälde von Ingres, Degas und Picasso. Der Fotoband liefert große Kamerakunst von der ersten bis zur letzten Seite.

Please don't Smile

von Frank Horvat
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Gestaltung von Urs Albrecht - Text in Deutsch, Englisch und Französisch
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-4028-9
Preis:
48,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 17.04.2016 | 17:40 Uhr

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