Stand: 30.04.2017 17:40 Uhr  | Archiv

"Francis Bacon - Unsichtbare Räume"

Francis Bacon - Unsichtbare Räume
von Ina Conzen (Hrsg.)
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

142,4 Millionen US-Dollar - diese unvorstellbare Summe zahlte ein Sammler 2013 für ein Gemälde von Francis Bacon. Wo immer auf der Welt sie unter den Hammer kommen, die Werke des britischen Malers erzielen Höchstpreise. Dabei serviert Bacon dem Betrachter alles andere als leichte Kost. Die Figuren auf seinen Leinwänden sind entstellt, verformt, zerstört - faszinierende, aber auch erschreckende Sinnbilder menschlicher Angst und Qual.

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Der Bildband enthält 150 farbige Abbildungen, von denen wir aus rechtlichen Gründen leider nur das Titelbild zeigen können.

Es gäbe noch viel mehr Gemälde von Francis Bacon, hätte der Perfektionist nicht ganze Serien seiner eigenen Arbeiten vernichtet. Zum Glück war er ein produktiver Künstler und hinterließ nach seinem Tod 1992 trotzdem ein umfangreiches Œuvre. Wie kraftvoll und intensiv seine Malerei bis heute wirkt, zeigt ein Bildband, der jetzt im Prestel Verlag erschienen ist.

Szenen von Angst und Qual

Eine Szene wie aus einem Albtraum: In einem dunklen, fast schwarzen Raum kniet ein nackter Mann auf einem Podest. Verzweifelt bäumt er sich auf - wie ein Tier, das in einer Falle gefangen ist. Vom oberen bis zum unteren Bildrand umgeben senkrechte Linien seinen Körper. Falten eines Vorhangs? Oder Stäbe eines gigantischen Käfigs? Klar lässt sich das nicht erkennen. Die düsteren Farben, die transparenten Pinselstriche tauchen das Geschehen in ein rätselhaftes Zwielicht.

"Figure on a Dais" heißt das Gemälde, das Francis Bacon 1958 malte. In vielerlei Hinsicht, schreibt die Kunsthistorikerin Ina Conzen, ist es typisch für den Künstler: "Bacons Figuren finden sich (…) häufig in enge Zimmer und glasartige Käfige gesperrt. (…) Gebogene Stahlgeländer, runde und elliptische Arenen und Podeste exponieren die Körper gnadenlos. Ganz so, als handele es sich um Schaustücke im Museum oder Tiere im Zoo."

Auf vielen Bildern verschwimmen Formen und Konturen, Grenzen zwischen Mensch und Tier. Bacons Kreaturen reißen die Münder zu stummen Schreien auf, sie straucheln und kämpfen - und können doch nichts ausrichten gegen ihre Verletzlichkeit und den Tod, der ihnen sicher ist.

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Francis Bacon, 1909 in Dublin geboren, lebte ein exzessives Leben - getrieben von seiner Spielsucht und dem Hang zum Whisky. Er starb 1992 in Madrid.
Bilder von Verletzlichkeit und Tod

"Nun, wir sind ja schließlich selbst Fleisch, potentielle Kadaver. Jedes Mal wenn ich einen Fleischerladen betrete, bin ich in Gedanken überrascht, dass nicht ich dort anstelle des Tieres hänge", sagt Bacon 1987 in einem Interview. Tatsächlich erinnern seine deformierten Figuren an geschlachtetes Vieh. Körper, denen die Vergänglichkeit ins Fleisch geschrieben ist. Ein Memento Mori, das an Brutalität kaum zu überbieten ist.

Was treibt den Maler zu so viel Schrecken und Gewalt? In ihrem Beitrag zu dem neuen Bildband beantwortet Ina Conzen die Frage biografisch: Wer Bacons Malerei verstehen will, muss seine Lebensgeschichte kennen: "Seine Werke sind imprägniert von seiner Biografie und dem einen großen Thema: Der Intensität des Lebens - beziehungsweise seines - Lebens angesichts der Omnipräsenz des Todes", schreibt die Herausgeberin.

Ein exzessives Leben

Bacon kommt 1909 in Dublin zur Welt. Als Engländer und Protestant gehört er in Irland zur Minderheit. Die religiösen und politischen Konflikte, die seine Kindheit überschatten, zeichnen die Themen vor, die ihn in seiner Kunst beschäftigen werden: Religion, Isolation, Gewalt, Tod. Ebenso prägend ist seine Homosexualität. Er ist 16, als "… sein Vater (…) ihn dabei überrascht, wie er sich in den Dessous seiner Mutter im Spiegel betrachtet, und wirft ihn aus dem Haus", berichtet die Autorin.

Bacon lebt ein exzessives Leben - getrieben von seiner Spielsucht und dem Hang zum Whisky. Immer wieder geht er zerstörerische Beziehungen ein: Sein langjähriger Partner, Peter Lacy, stirbt 1962 an seiner Alkohol- und Drogensucht. George Dyer - ebenfalls ein Trinker - begeht 1971 Selbstmord. Die beiden bleiben nicht die Einzigen. Der Tod scheint ständig präsent in Bacons Leben - und immer trifft er die Menschen, die ihm am meisten bedeuten.

Der Bildband "Francis Bacon - Unsichtbare Räume" beleuchtet in gut geschriebenen Essays den Werdegang des Malers, seine Techniken, die Quellen, aus denen er schöpft. Vor allem aber lebt das Buch von den erstklassigen Abbildungen. Kein anderer Künstler hat so kraftvolle, so verstörende und zutiefst berührende Bilder für den Menschen, seine Ängste und Begrenzungen gefunden. Bis heute.

Francis Bacon - Unsichtbare Räume

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Prestel Verlag
Bestellnummer:
978-3-7913-5576-4
Preis:
39,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.05.2017 | 17:40 Uhr

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