Stand: 06.03.2019 10:00 Uhr

Widersprüche und Wunder

Kaffee und Zigaretten
von Ferdinand von Schirach
Vorgestellt von Stefan Maelck

Ferdinand von Schirach scheint der Mann der Stunde zu sein: "Spiegel" bis "New York Times" feiern ihn als großen Erzähler und Stilisten, mit Übersetzungen in 40 Ländern ist er inzwischen einer der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautoren mit Millionenverkäufen. Von Schirachs Bücher werden fürs Fernsehen verfilmt und als interaktive und trotzdem anspruchsvolle Spektakel aufgeführt, sein Roman "Der Fall Collini" kommt jetzt sogar ins Kino. Nun erscheint der neue von Schirach mit dem schönen Titel "Kaffee und Zigaretten".

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In dem sehr persönlichen Buch "Kaffee und Zigaretten" erzählt der Autor viel aus seinem Leben.

Der Titel rekurriert sicher nicht von ungefähr auf den Film "Coffee and Cigarettes" von Jim Jarmusch aus dem Jahr 2003: In elf Episoden lässt Jarmusch darin Paare wie Tom Waits und Iggy Pop ziemlich skurrilen Small Talk führen, etwa darüber, wie schön es ist, mit dem Rauchen aufzuhören, weil man sich dann ja jederzeit eine Zigarette anzünden könne. Widersprüche und Wunder, darum geht es auch in von Schirachs neuem Buch. Der Verlag bewirbt es als das persönlichste Buch des Autors - zu Recht.

Traumata in Kindheit und Jugend

"Kaffee und Zigaretten" beginnt mit der Kindheit - das erste Trauma ist das Jesuiteninternat, das zweite der Tod des Vaters.

"Sein Vater stirbt, als er 15 Jahre alt ist. Er hatte ihn schon viele Jahre nicht mehr gesehen, die Eltern trennten sich früh. Sein Vater schickte Postkarten ins Internat, Straßenansichten aus Lugano, Paris und Lissabon. Einmal kam eine Karte aus Manila, vor dem weißen Malacañang-Palast stand ein Mann in hellem Leinenanzug. Er stellt sich vor, dass sein Vater aussah wie dieser Mann. Der Direktor des Internats gibt ihm Geld für die Zugfahrkarte nach Hause. Er nimmt keinen Koffer mit, weil ihm nichts einfällt, was er einpacken könnte. Nur ein Buch hat er dabei, das Lesezeichen zwischen den Seiten ist die Postkarte aus Manila." Leseprobe

Buch mit autobiografischen Anteilen

"Kaffee und Zigaretten" als Hörbuch

Lars Eidinger liest den Roman von Ferdinand von Schirach.
Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-3391-0
Preis: 13,95

Der Ton ist - typisch für von Schirach - unaufgeregt, fast sachlich. Die Geschichte nimmt einen sofort gefangen. Der Protagonist, hinter dem man den Autor vermuten muss, versucht sich zu trösten mit einem Text von Kleist und mit Whisky.

"Er nimmt den schwarzen Lauf des Gewehrs in den Mund, er ist eigenartig kalt auf der Zunge. Dann drückt er ab. Am nächsten Morgen finden ihn die Gärtner in seinem Erbrochenen, die Schrotflinte liegt in seinem Arm. Er war so betrunken, dass er keine Patrone eingelegt hatte. Er spricht mit niemandem über diese Nacht, in der er sich selbst gesehen hat." Leseprobe

Ferdinand von Schirach hat einen Ruf als Promi-Anwalt, zeigt wenig Interesse für den Literaturbetrieb, schützt sein Privatleben. Dass er auf einem Jesuitenkolleg im Südschwarzwald war, ist verbürgt - von Schirach hat sich zu Missbrauchsfällen dort ausführlich geäußert. So verstörend der Einstieg des Buches ist, so überraschend ist das zweite Kapitel - eine kurze Bemerkung zu etwas scheinbar völlig Nebensächlichem.

"Vor 54 Jahren, am Tag meiner Geburt, verhängte die Liga der Arabischen Staaten einen Import-Boykott über einen englischen Hersteller von Regenmänteln, die Firma Burberry. Zur Begründung hieß es, die Firma mache Geschäfte mit Israel. [...] In London blieb man gelassen. Ein Sprecher der Firma teilte mit, in arabischen Ländern regne es ohnehin selten und bisher seien 'lächerlich wenige' Regenmäntel dorthin exportiert worden." Leseprobe

Weitere Informationen
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Feine Ironie und leise Verzweiflung

Mit feiner Ironie, untergründigem Humor, leiser Verzweiflung beschwört der Autor, was ihn verzweifeln lässt und was ihn rettet. Von Schirach ist ein Moralist ohne ausgestellte Moral. Nationalsozialismus, Deutscher Herbst und Rock 'n' Roll, Joseph Beuys' "Fettecke", Autoren wie Hemingway, Gustafsson und Mark Twain - natürlich das Rauchen, das Entdecken der Heimat auf Reisen. Von Schirach ist ein Meister der Parabel - er erzählt fesselnd seine Geschichte, die zugleich ein Stück unserer Geschichte ist.

"US-Präsident Donald Trump hat sich gegen das Spiel 'Pokémon Go' nicht durchsetzen können: Das Smartphone-Spiel war 2016 weltweit der meistgesuchte Begriff bei Google. Dahinter folgte Apples iPhone 7. Trump musste sich mit dem dritten Platz begnügen. Das ist gegen seine Gewohnheit. Als er in London die Queen besuchte und mit ihr die Ehrenwache abschritt, ging er einen Schritt vor der alten Dame. Prinz Philip, der 80-jährige Ehemann der Queen, muss laut Hofprotokoll bei offiziellen Anlässen immer hinter ihr bleiben." Leseprobe

Kaffee und Zigaretten

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87610-8
Preis:
20,00 €

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